Narzisstische Eltern: Wenn Geschwister gegeneinander ausgespielt werden

Narzisstische Eltern Wenn Geschwister gegeneinander ausgespielt werden

Es gibt Familien, in denen Geschwister schon sehr früh das Gefühl bekommen, nicht einfach Bruder und Schwester sein zu dürfen. Statt gemeinsam aufzuwachsen, werden sie miteinander verglichen. Wer ist klüger? Wer macht weniger Probleme? Wer hört besser? Wer ist erfolgreicher? Wer kümmert sich mehr um die Eltern? Und vor allem: Wer ist gerade das „gute“ Kind und wer das „schwierige“?

Bei stark narzisstisch geprägten Eltern kann daraus ein ganzes Familiensystem entstehen. Dabei muss die Mutter oder der Vater nicht jeden Morgen bewusst überlegen, wie die Kinder gegeneinander ausgespielt werden können.


Häufig entsteht die Spaltung durch wiederkehrende Verhaltensweisen: Ein Kind wird gelobt, während das andere gleichzeitig abgewertet wird. Einem Kind werden Dinge über das andere erzählt. Nähe wird davon abhängig gemacht, wie loyal, erfolgreich oder angepasst ein Kind ist. Konflikte werden nicht direkt geklärt, sondern über Bruder oder Schwester ausgetragen.

Das Ergebnis kann verheerend sein. Zwei Kinder, die eigentlich miteinander verbunden sein könnten, beginnen sich gegenseitig als Konkurrenten zu betrachten.


Narzisstische Eltern brauchen häufig Bestätigung statt Widerspruch

Gesunde Eltern können grundsätzlich akzeptieren, dass ihre Kinder anders denken als sie selbst. Ein Sohn darf eine andere Meinung haben.

Eine Tochter darf einen anderen Lebensweg wählen. Ein Kind darf Grenzen setzen, ohne dadurch seinen Platz in der Familie zu verlieren.

Bei stark narzisstisch geprägten Eltern kann genau das schwierig werden. Das Kind wird nicht immer als eigenständiger Mensch wahrgenommen, sondern danach beurteilt, wie es auf den Elternteil wirkt.

Das angepasste Kind ist „lieb“.


Das widersprechende Kind ist „undankbar“.

Das erfolgreiche Kind macht die Eltern stolz.

Das Kind, das Schwierigkeiten hat, „blamiert die Familie“.

Dadurch lernen Kinder früh, dass Anerkennung nicht selbstverständlich ist. Sie scheint davon abzuhängen, wie gut sie die Bedürfnisse und Erwartungen des Elternteils erfüllen.

Und sobald mehrere Kinder da sind, entsteht eine einfache Möglichkeit, Druck auszuüben: Man vergleicht sie miteinander.

Warum kannst du nicht so sein wie deine Schwester?

Dieser Satz kann jahrelang im Gedächtnis bleiben.

Vielleicht bringt die Tochter eine Drei nach Hause und hört: „Dein Bruder hatte in deinem Alter nur Einsen.“

Vielleicht räumt der Sohn sein Zimmer nicht auf und die Mutter sagt: „Deine Schwester musste ich nie zweimal bitten.“

Vielleicht ist eines der Kinder ruhiger, das andere temperamentvoller. Statt beide Persönlichkeiten anzunehmen, wird eine davon zum Maßstab für die andere.

Das Problem ist nicht nur, dass sich das kritisierte Kind schlecht fühlt.

Auch das gelobte Kind bekommt eine Botschaft: Du bist wertvoll, weil du besser bist als dein Geschwister.

Damit wird Anerkennung an Konkurrenz gekoppelt.

Das eine Kind möchte endlich genauso gut sein wie Bruder oder Schwester. Das andere möchte seine besondere Position nicht verlieren.

Und schon kämpfen zwei Kinder um etwas, das niemals ein Wettbewerb hätte sein dürfen: die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern.

Ein Kind wird zum Stolz der Familie, das andere zum Problem

In manchen Familien entstehen mit der Zeit feste Rollen.

Über ein Kind wird gesagt: „Sie war schon immer vernünftig.“

Über das andere: „Mit ihm gab es schon immer Schwierigkeiten.“

Diese Sätze werden irgendwann Teil der Familiengeschichte.

Wenn das „vernünftige“ Kind einen Fehler macht, wird dieser vielleicht schnell entschuldigt. Wenn das „schwierige“ Kind denselben Fehler macht, heißt es: „Typisch.“

So entsteht eine gefährliche Dynamik: Nicht mehr das Verhalten wird beurteilt, sondern der Mensch.

Das Kind, das ständig als Problem dargestellt wird, beginnt möglicherweise selbst daran zu glauben.

Es denkt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Das bevorzugte Kind steht gleichzeitig unter einem anderen Druck. Es muss weiterhin funktionieren, erfolgreich sein und den Eltern möglichst wenig widersprechen, damit es seine Position behält.

So leiden am Ende beide – nur auf unterschiedliche Weise.

Narzisstische Eltern Wenn Geschwister Gegeneinander Ausgespielt Werden(1)

Die Mutter erzählt jedem Kind eine andere Geschichte

Geschwister werden besonders wirksam getrennt, wenn sie Informationen nicht direkt voneinander bekommen.

Eine Mutter ruft ihre Tochter an und sagt: „Ich wollte eigentlich nichts sagen, aber dein Bruder hat sich über dich beschwert.“

Später spricht sie mit dem Sohn: „Deine Schwester glaubt wohl, sie sei etwas Besseres.“

Vielleicht wurden diese Dinge niemals so gesagt. Vielleicht gab es lediglich einen kleinen Kommentar, der verändert oder übertrieben weitergegeben wurde.

Doch etwas ist passiert.

Die Tochter ist verletzt.

Der Sohn ist wütend.

Beim nächsten Treffen verhalten sich beide distanzierter.

Niemand fragt den anderen direkt.

Und der Elternteil bleibt die einzige Person, die angeblich weiß, was alle anderen denken. So kann Misstrauen entstehen, ohne dass die Geschwister überhaupt wissen, woher es gekommen ist.

Ich sage dir etwas, aber dein Bruder darf es nicht wissen

Auch Geheimnisse können Nähe vortäuschen und gleichzeitig Geschwister voneinander entfernen. Ein Kind fühlt sich zunächst besonders.

Mama vertraut mir etwas an.

Papa erzählt mir, was wirklich los ist.

Doch häufig folgt danach etwas über das andere Geschwister:

„Deine Schwester denkt immer nur an sich.“

„Mit deinem Bruder kann man einfach nicht reden.“

„Du bist wenigstens für mich da.“

Das Kind wird damit zum Verbündeten des Elternteils.

Es bekommt das Gefühl, auf dessen Seite stehen zu müssen.

Besonders schwierig wird es, wenn das Kind beginnt, das Geschwister nicht mehr aufgrund eigener Erfahrungen zu beurteilen, sondern aufgrund dessen, was die Eltern jahrelang erzählt haben.

So kann eine Mutter beispielsweise über Jahre eine Tochter davon überzeugen, dass ihr Bruder egoistisch sei. Der Bruder wiederum hört vielleicht ständig, seine Schwester halte sich für etwas Besseres.

Irgendwann begegnen sich beide bereits mit Misstrauen.

Heute bist du das Lieblingskind – morgen vielleicht nicht mehr

Die Rollen in solchen Familien müssen nicht dauerhaft sein. Das ist für Kinder besonders verunsichernd.

Solange die Tochter gute Leistungen bringt, die Mutter bewundert und ihr kaum widerspricht, kann sie besonders viel Anerkennung bekommen.

Doch irgendwann wird sie erwachsen und sagt vielleicht: „Mama, ich möchte das anders machen.“

Plötzlich verändert sich die Beziehung.

„Seit du diesen Partner hast, bist du nicht mehr dieselbe.“

„Du denkst nur noch an dich.“

„Nach allem, was ich für dich getan habe.“

Nun kann der Sohn, der früher ständig kritisiert wurde, plötzlich näher an die Mutter herangezogen werden.

Er hört vielleicht: „Du verstehst mich wenigstens.“

Damit wird ihm indirekt angeboten, den Platz einzunehmen, den die Schwester verloren hat. So bleiben Geschwister auch als Erwachsene in einem unsichtbaren Wettbewerb.

Selbst Geburtstage und Weihnachten können zum Vergleich werden

Die Spaltung zeigt sich manchmal in Situationen, die eigentlich schön sein sollten. Ein Kind bekommt ein teureres Geschenk.

Eines wird häufiger besucht.

Ein Enkelkind wird stärker beachtet als das andere.

Ein Sohn bekommt finanzielle Unterstützung, während die Tochter hören muss: „Du kommst doch alleine zurecht.“

Natürlich müssen Eltern erwachsene Kinder nicht mathematisch identisch behandeln. Unterschiedliche Lebenssituationen verlangen manchmal unterschiedliche Unterstützung.

Problematisch wird es, wenn Unterschiede demonstrativ hervorgehoben werden.

„Schau mal, was ich deinem Bruder gekauft habe.“

„Deine Schwester kümmert sich wenigstens um mich.“

„Er ruft mich jeden Tag an. Du hast dafür offenbar keine Zeit.“

Dann wird selbst Fürsorge zu einem Wettbewerb.

Wer liebt Mama mehr?

Wer ist häufiger da?

Wer hat mehr verdient?

Wer bekommt später was?

Der alte Kampf aus dem Kinderzimmer wird im Erwachsenenalter einfach mit anderen Mitteln weitergeführt.

Besonders schmerzhaft wird es, wenn ein Elternteil schlecht über das abwesende Kind spricht

Stellen wir uns eine Mutter mit drei erwachsenen Kindern vor. Wenn sie mit der ersten Tochter zusammen ist, beschwert sie sich über den Sohn.

Beim Sohn erzählt sie, wie enttäuscht sie von der zweiten Tochter sei.

Bei der zweiten Tochter wiederum beklagt sie sich über die erste.

Jedes Kind glaubt möglicherweise, eine besondere Vertrauensposition zu haben. In Wirklichkeit wird über jeden gesprochen, sobald er nicht im Raum ist.

Dadurch entsteht keine echte Nähe. Es entsteht ein System, in dem niemand genau weiß, was über ihn gesagt wird, wenn er nicht anwesend ist. Geschwister können sich deshalb immer weniger vertrauen.

Der größte Schaden entsteht zwischen den Kindern

Das vielleicht Tragischste ist, dass Kinder irgendwann nicht mehr erkennen, wo der eigentliche Konflikt begonnen hat.

Die Schwester glaubt, ihr Bruder sei arrogant.

Der Bruder glaubt, die Schwester sei neidisch.

Beide erinnern sich an Situationen, in denen der andere bevorzugt wurde.

Jeder hat seine eigene Verletzung.

„Du hast immer alles bekommen.“

„Dich hat Mama immer verteidigt.“

„Papa war immer stolzer auf dich.“

Diese Gefühle können vollkommen real sein.

Doch als Kinder hatten weder Bruder noch Schwester die Verantwortung dafür, wie die Eltern ihre Liebe, Aufmerksamkeit oder Anerkennung verteilt haben.

Ein siebenjähriges Kind entscheidet nicht darüber, zum Lieblingskind gemacht zu werden. Und ein zehnjähriges Kind entscheidet nicht darüber, zum Sündenbock der Familie zu werden. Die Verantwortung lag bei den Erwachsenen.

Auch das bevorzugte Kind hat nicht unbedingt gewonnen

Das ist für das weniger bevorzugte Geschwister manchmal schwer zu akzeptieren. Es sieht nur: „Du wurdest immer gelobt.“

Das kann stimmen. Doch vielleicht hatte dieses Lob Bedingungen.

Das bevorzugte Kind musste gute Noten bringen. Es musste Mama zustimmen. Es durfte Papa nicht enttäuschen. Es musste erfolgreich, freundlich und angepasst bleiben.

Seine Angst lautete möglicherweise nicht: „Warum liebt Mama mich nicht?“

Sondern: „Was passiert, wenn ich nicht mehr so bin, wie Mama mich haben möchte?“

Auch das ist keine freie, sichere Beziehung.

Das erklärt nicht jedes verletzende Verhalten zwischen Geschwistern und entschuldigt es auch nicht. Aber es kann helfen zu verstehen, dass verschiedene Kinder unter demselben Elternhaus auf völlig unterschiedliche Weise leiden können.

Jahre später streiten erwachsene Geschwister noch immer um dieselbe Anerkennung

Die Kinder sind inzwischen 35, 45 oder 55 Jahre alt. Sie haben eigene Familien.

Und trotzdem reicht beim gemeinsamen Essen manchmal ein einziger Satz der Mutter: „Dein Bruder kommt wenigstens regelmäßig vorbei.“

Schon ist das alte Gefühl wieder da.

Nicht gut genug.

Nicht wichtig genug.

Nicht geliebt genug.

Dann beginnt die Rechtfertigung: „Ich habe schließlich auch eine Familie.“

Der Bruder verteidigt sich.

Die Schwester wird wütend.

Die Mutter sitzt dazwischen.

Und plötzlich kämpfen erwachsene Menschen wieder um die Anerkennung, die ihnen als Kindern gefehlt hat.

Heilung beginnt, wenn Geschwister nicht mehr alles über die Eltern laufen lassen

Eine der wichtigsten Veränderungen kann darin bestehen, die direkte Beziehung zum Geschwister aufzubauen.

Wenn die Mutter sagt: „Deine Schwester hat gesagt, dass du …“ kann man antworten: „Dann frage ich sie selbst.“

Wenn der Vater erzählt: „Dein Bruder interessiert sich überhaupt nicht für dich“, kann man den Bruder anrufen.

Manchmal entstehen dabei überraschende Gespräche.

„Das habe ich nie gesagt.“

„Ich dachte, du wolltest keinen Kontakt.“

„Mir wurde erzählt, du wärst sauer auf mich.“

Vielleicht stellen zwei Geschwister dann zum ersten Mal fest, wie viele ihrer Konflikte auf Informationen beruhen, die jahrelang durch andere Menschen gefiltert wurden.

Geschwister dürfen ihre eigene Geschichte schreiben

Nicht jede Geschwisterbeziehung lässt sich retten. Manche Verletzungen sind zu tief. Manche Geschwister führen die Konkurrenz selbst im Erwachsenenalter weiter.

Niemand muss Kontakt halten, wenn dieser Kontakt immer wieder verletzt.

Doch dort, wo beide bereit sind hinzusehen, kann etwas Neues entstehen.

Vielleicht können sie irgendwann sagen:

„Du warst nicht mein Problem.“

„Ich war nicht dein Problem.“

„Wir waren zwei Kinder, die beide versucht haben, in derselben Familie einen sicheren Platz zu finden.“

Der eine tat es durch Anpassung.

Der andere durch Rebellion.

Einer wurde gelobt.

Der andere kritisiert.

Vielleicht wechselten die Rollen sogar immer wieder.

Aber beide wollten im Grunde dasselbe: von ihren Eltern gesehen und geliebt werden, ohne dafür gegen den eigenen Bruder oder die eigene Schwester kämpfen zu müssen.

Und genau dort kann der alte Wettbewerb enden.

Denn Geschwister müssen nicht bis ins hohe Alter beweisen, wer das bessere Kind war, wer mehr für die Eltern getan hat oder wen Mama und Papa wirklich lieber hatten.

Sie dürfen irgendwann verstehen:

Wir hätten niemals Konkurrenten um Liebe sein sollen.

Vielleicht ist das eine der schmerzhaftesten Folgen narzisstisch geprägter Elternschaft: Nicht nur die Beziehung zwischen Eltern und Kind kann beschädigt werden. Manchmal wird auch die Beziehung zwischen den Kindern zerstört.

Und manchmal braucht es Jahrzehnte, bis zwei Geschwister erkennen, dass sie all die Jahre gegeneinander gekämpft haben, obwohl sie als Kinder eigentlich jemanden gebraucht hätten, der neben ihnen steht.

Quellen

  • Nina W. Brown: Kinder egozentrischer Eltern. Junfermann Verlag.
    Ein hilfreiches Buch über das Aufwachsen mit stark selbstbezogenen Eltern und die langfristigen Auswirkungen auf Kinder und ihre Beziehungen.
  • Karyl McBride: Werde ich jemals gut genug sein? Heilung für Töchter narzisstischer Mütter.
    Beschäftigt sich mit narzisstisch geprägten Müttern, emotionaler Abwertung, hohen Erwartungen und den Folgen für das Selbstwertgefühl ihrer Töchter.
  • Lindsay C. Gibson: Kalte Kindheit. Wie wir trotz unemotionaler Eltern Wärme im Leben finden. Kailash Verlag.
    Beschreibt, wie emotional unreife und stark auf sich selbst bezogene Eltern das Erleben ihrer Kinder prägen können.
  • Lindsay C. Gibson: Als Kind emotional unreifer Eltern Heilung finden. Kailash Verlag.
    Zeigt Wege auf, alte Familienrollen zu erkennen, Grenzen zu setzen und sich von belastenden Beziehungsmustern zu lösen.
  • Karyl McBride: Bin ich jemals gut genug? Wie Töchter narzisstischer Mütter Heilung finden.
    Besonders geeignet für Themen wie Bevorzugung, emotionale Manipulation, Anerkennung und das Gefühl, als Kind ständig um Liebe kämpfen zu müssen.