Kinder als Spiegel: Was sie lernen, wenn wir glauben, sie schauen nicht hin

Kinder als Spiegel Was sie lernen, wenn wir glauben, sie schauen nicht hin

Wir glauben oft, dass wir unsere Kinder vor allem dann erziehen, wenn wir ihnen etwas erklären. Wir sagen ihnen, dass sie freundlich sein sollen, dass man andere Menschen respektiert, dass man nicht lügt, dass man sich entschuldigt, wenn man jemanden verletzt, und dass man Probleme nicht mit Schreien lösen sollte.

Doch Kinder lernen nicht nur aus unseren Erklärungen. Vieles lernen sie in genau den Momenten, in denen wir überhaupt nicht daran denken, ihnen etwas beizubringen.


Sie beobachten, wie wir morgens aufstehen, wie wir mit unserem Partner sprechen, wie wir über Freunde und Nachbarn reden, wie wir reagieren, wenn etwas nicht nach Plan läuft, und wie wir mit unseren eigenen Fehlern umgehen.

Sie sitzen hinten im Auto und hören, wie wir über andere Autofahrer sprechen. Sie erleben, ob wir bei einem Stau sofort anfangen zu schimpfen oder ob wir irgendwann sagen: „Wir können es sowieso nicht ändern“, die Musik einschalten und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Gerade wenn wir glauben, dass Kinder nicht hinschauen, nehmen sie erstaunlich viel wahr.


Schon der Morgen erzählt einem Kind etwas über das Leben

Ein ganz gewöhnlicher Morgen kann für ein Kind eine kleine Lektion sein, ohne dass ein einziges pädagogisches Wort fällt.

Wie stehen wir auf? Beginnt jeder Tag mit „Ich kann nicht mehr“, „Schon wieder Montag“ oder „Heute wird bestimmt schrecklich“? Sind wir ständig hektisch und suchen sofort jemanden, der schuld daran ist, dass wir zu spät dran sind?

Natürlich dürfen Eltern morgens müde und gestresst sein. Niemand muss seinem Kind jeden Tag perfekte gute Laune vorspielen. Aber Kinder erleben über Jahre hinweg unsere Grundhaltung.


Sie sehen, ob ein Problem sofort zur Katastrophe wird oder ob wir versuchen, ruhig eine Lösung zu finden. Wenn die Brotdose vergessen wurde, der Schlüssel verschwunden ist oder alle fünf Minuten zu spät dran sind, beobachten sie, wie Erwachsene mit Stress umgehen.

Aus vielen kleinen Situationen entsteht irgendwann eine große Botschaft: So geht man offenbar mit dem Leben um, wenn etwas nicht funktioniert.

Wie wir mit unserem Partner sprechen, wird zum Vorbild für spätere Beziehungen

Kinder hören nicht nur, was Eltern zu ihnen sagen. Sie hören auch, wie Mutter und Vater miteinander sprechen.

Sie erleben Zärtlichkeit, Respekt und Humor, aber ebenso Schweigen, Sarkasmus, Vorwürfe und Streit.

Wenn wir unserem Kind erklären: „Man darf andere nicht beleidigen“, anschließend aber unseren Partner bei jeder Meinungsverschiedenheit abwerten, bekommt das Kind zwei verschiedene Botschaften. Und meistens ist das gelebte Verhalten stärker als das gesprochene Wort.

Ein Kind muss nicht in einem Zuhause aufwachsen, in dem niemals gestritten wird. Das wäre unrealistisch. Es kann sogar etwas sehr Wertvolles lernen, wenn es erlebt, dass Menschen sich streiten und trotzdem respektvoll bleiben können.

Es kann sehen, dass ein Vater sagen kann: „Ich bin gerade wirklich wütend, aber ich möchte nicht so mit dir sprechen.“

Es kann erleben, dass eine Mutter später sagt: „Es tut mir leid, das war unfair von mir.“

So lernt das Kind etwas, das ihm später in Freundschaften und Partnerschaften helfen kann: Ein Konflikt bedeutet nicht automatisch Ablehnung. Man kann anderer Meinung sein, ohne einen Menschen kleinzumachen.

Kinder hören auch, wie wir über andere Menschen reden

Vielleicht sitzt das Kind am Tisch und malt, während die Eltern miteinander sprechen. Wir glauben, es sei vollkommen beschäftigt.

Doch es hört, wie wir über die Nachbarin reden.

Es hört, was wir über einen Arbeitskollegen sagen.

Es merkt, dass wir gerade noch freundlich mit jemandem telefoniert haben und fünf Minuten später schlecht über diesen Menschen sprechen.

Später wundern wir uns vielleicht, wenn unser Kind über einen Mitschüler lästert.

„So spricht man nicht über andere Menschen“, sagen wir.

Aber wo hat es gelernt, dass man so sprechen kann?

Nicht alles kommt aus dem Elternhaus, und Kinder haben viele andere Vorbilder. Trotzdem lohnt es sich, auch das eigene Verhalten anzuschauen.

Kinder lernen Respekt nicht ausschließlich dadurch, dass wir das Wort „Respekt“ erklären. Sie lernen ihn, indem sie erleben, wie wir mit Menschen umgehen.

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Besonders wichtig ist unser Verhalten gegenüber Fremden

Beim Einkaufen wird die Kassiererin langsamer, weil etwas mit der Kasse nicht stimmt. Im Restaurant kommt das falsche Essen. Der Nachbar blockiert kurz die Einfahrt. Eine ältere Person braucht etwas länger.

Genau solche Situationen sind kleine Prüfungen unseres eigenen Verhaltens.

Werden wir sofort ungeduldig und herablassend? Oder können wir freundlich bleiben, obwohl uns etwas nervt?

Kinder beobachten dabei, ob unsere Regeln wirklich für alle gelten.

Wenn wir ihnen sagen, dass jeder Mensch Respekt verdient, sie aber erleben, wie wir Menschen schlecht behandeln, von denen wir nichts brauchen, verstehen sie sehr schnell, dass unsere Worte und unser Verhalten nicht zusammenpassen.

Ein freundliches „Danke“ zur Verkäuferin kann manchmal mehr Erziehung sein als eine lange Rede über Höflichkeit.

Im Auto zeigt sich, wie wir mit Frustration umgehen

Kaum irgendwo glauben Eltern so häufig, dass Kinder nicht zuhören, wie im Auto.

Das Kind sitzt hinten, schaut aus dem Fenster oder beschäftigt sich mit etwas. Vor uns fährt jemand langsam.

Und schon geht es los.

„Kann der nicht fahren?“

„Was für ein Idiot!“

Dann kommt ein Stau. Wir regen uns auf, obwohl wir ihn nicht verändern können. Wir werden immer wütender und lassen uns möglicherweise den gesamten Nachmittag davon verderben.

Auch daraus lernt ein Kind.

Nicht unbedingt, dass man im Auto schimpfen darf. Viel grundlegender lernt es, wie Erwachsene mit Dingen umgehen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen.

Natürlich kann man sagen: „Dieser Verkehr nervt mich.“

Aber dann kann man vielleicht auch akzeptieren: Wir stehen jetzt hier. Wir können daran nichts ändern.

Also machen wir Musik an. Wir reden miteinander. Vielleicht lachen wir über etwas. Wir kommen eben später an.

Damit vermitteln wir unserem Kind ganz nebenbei eine wichtige Fähigkeit: Nicht alles, was mich ärgert, muss Macht über meine Stimmung bekommen.

Wie lösen wir Probleme, wenn niemand zuschaut?

Etwas geht kaputt. Eine Rechnung ist höher als erwartet. Ein Termin wurde vergessen. Das Essen brennt an. Das Auto springt nicht an.

Das Leben liefert täglich kleine und manchmal große Probleme.

Kinder beobachten, was wir daraus machen.

Suchen wir sofort jemanden, der schuld ist? Schreien wir? Geben wir auf? Erzählen wir stundenlang, wie ungerecht das Leben zu uns ist?

Oder können wir irgendwann sagen: „Das ist jetzt ärgerlich. Was können wir tun?“

Damit lernt ein Kind nicht, dass es keine Probleme geben wird. Es lernt etwas viel Realistischeres: Probleme kann man aushalten und Schritt für Schritt lösen.

Diese Haltung wird ein Kind später brauchen, wenn es selbst mit Enttäuschungen, Prüfungen, Konflikten oder Rückschlägen konfrontiert wird.

Kinder beobachten, wie wir mit uns selbst sprechen

Nicht nur unser Verhalten gegenüber anderen wird zum Vorbild. Auch unser Umgang mit uns selbst wird beobachtet.

Eine Mutter steht vor dem Spiegel und sagt: „Ich sehe schrecklich aus. Ich bin viel zu dick.“ Vielleicht steht ihre Tochter daneben.

Für die Mutter ist es nur ein unzufriedener Satz über sich selbst. Für die Tochter kann daraus langsam eine Vorstellung entstehen, wie Frauen ihren eigenen Körper betrachten.

Ein Vater macht einen Fehler und sagt: „Ich bin einfach zu blöd.“ Sein Sohn hört ebenfalls zu.

Wenn Erwachsene sich wegen jedes Fehlers beschimpfen, lernen Kinder möglicherweise, genauso hart mit sich selbst umzugehen.

Wir sollten deshalb nicht nur fragen, ob wir freundlich zu unserem Kind sprechen.

Wir dürfen uns auch fragen: Wie spreche ich über mich selbst, während mein Kind zuhört?

Unsere Grenzen werden ebenfalls beobachtet

Kinder merken, wenn Mama immer Ja sagt, obwohl sie eigentlich Nein meint.

Sie sehen, wenn Papa jedem hilft, sich dabei vollkommen erschöpft und anschließend zu Hause darüber schimpft.

So lernen Kinder möglicherweise, dass ein guter Mensch immer verfügbar sein muss.

Doch wir können ihnen etwas anderes vorleben.

„Heute kann ich das leider nicht.“

„Ich brauche jetzt etwas Ruhe.“

„Ich helfe dir gerne morgen.“

Damit zeigen wir: Grenzen sind keine Ablehnung. Ein Mensch darf freundlich sein und trotzdem auf sich selbst achten.

Vielleicht hilft genau dieses Vorbild unserem Kind eines Tages dabei, nicht jahrelang Dinge zu tun, die es eigentlich gar nicht möchte, nur weil es Angst hat, andere zu enttäuschen.

Kinder beobachten auch, wie wir mit Fehlern umgehen

Eltern werden Fehler machen.

Wir werden manchmal zu laut sein. Wir werden etwas Falsches sagen. Vielleicht reagieren wir ungerecht, weil wir müde sind oder selbst einen schlechten Tag hatten.

Das allein entscheidet nicht darüber, ob wir gute Eltern sind.

Wichtig ist auch, was danach geschieht.

Können wir zu unserem Kind gehen und sagen: „Ich hätte vorhin nicht so mit dir sprechen dürfen. Es tut mir leid“?

Viele Erwachsene erwarten von ihren Kindern Entschuldigungen, haben aber große Schwierigkeiten, sich selbst bei einem Kind zu entschuldigen.

Dabei ist genau das ein starkes Vorbild.

Das Kind lernt dadurch: Auch Erwachsene machen Fehler. Fehler machen mich nicht wertlos. Aber ich bin verantwortlich dafür, was ich danach tue.

Kinder lernen von uns nicht nur, wie man Probleme bewältigt, sondern auch, wie man sich freut

Dieser Teil wird oft vergessen. Wir möchten unseren Kindern Verantwortung, Fleiß und Disziplin vermitteln. Aber zeigen wir ihnen auch, wie man das Leben genießt?

Erleben sie Eltern, die sich über einen sonnigen Tag freuen können?

Sehen sie uns manchmal lachen?

Läuft bei uns Musik, während gekocht wird?

Können wir über uns selbst lachen, wenn etwas schiefgeht?

Können wir einen Kaffee trinken, ohne gleichzeitig drei andere Dinge zu erledigen?

Kinder entwickeln auch aus diesen Momenten ein Bild vom Erwachsenenleben.

Wenn sie ausschließlich erleben, dass Erwachsene arbeiten, sich Sorgen machen, Rechnungen bezahlen, über andere Menschen schimpfen und erschöpft ins Bett fallen, kann das Leben sehr schwer aussehen.

Dabei können wir ihnen gleichzeitig zeigen: Es gibt Probleme, Pflichten und schwierige Tage – und trotzdem darf es Freude geben.

Wir müssen keine perfekten Eltern sein

All das bedeutet nicht, dass Eltern ab morgen jede Bewegung kontrollieren sollten. Ein Kind braucht keine perfekte Mutter und keinen perfekten Vater.

Es braucht keine Eltern, die niemals fluchen, niemals schlechte Laune haben und jeden Konflikt psychologisch perfekt lösen.

Das wäre keine echte Familie.

Kinder dürfen sehen, dass Erwachsene müde sind. Sie dürfen erleben, dass Mama traurig ist oder Papa sich ärgert. Sie dürfen sogar erleben, dass Eltern Fehler machen.

Aber sie sollten möglichst auch erleben, dass Menschen sich wieder beruhigen können, dass sie Verantwortung übernehmen, sich entschuldigen, etwas verändern und aus Fehlern lernen.

Vielleicht ist gerade das eines der besten Vorbilder überhaupt.

Nicht: „Schau mich an, ich mache alles richtig.“ Sondern: „Auch ich mache Fehler. Aber ich kann etwas daraus lernen.“

Eines Tages erkennen wir uns in unseren Kindern wieder

Manchmal geschieht es ganz plötzlich. Unser Kind sagt einen Satz, und wir denken: „Das sage ich doch immer.“

Es reagiert auf eine Situation genauso wie wir. Manchmal gefällt uns, was wir sehen.

Vielleicht hilft es einem anderen Menschen, weil es gesehen hat, wie selbstverständlich wir helfen. Vielleicht entschuldigt es sich nach einem Streit. Vielleicht bleibt es ruhig, wenn etwas nicht funktioniert, und sagt: „Komm, wir finden eine Lösung.“

Und manchmal gefällt uns der Spiegel weniger.

Vielleicht schimpft das Kind genauso über Kleinigkeiten wie wir. Vielleicht redet es schlecht über andere oder gibt bei jedem Fehler sofort sich selbst die Schuld.

Solche Momente müssen keine Anklage sein. Sie können eine Einladung sein, auch das eigene Verhalten noch einmal anzuschauen.

Die wichtigste Erziehung geschieht oft mitten im Alltag

Wir werden unseren Kindern viele Dinge sagen, bis sie erwachsen sind. Manche werden sie behalten. Andere werden sie vergessen.

Aber zusätzlich zu unseren Worten geben wir ihnen jeden Tag etwas mit, ohne es zu merken.

Sie sehen, wie wir morgens aufstehen. Sie erleben, wie wir unseren Partner behandeln. Sie hören, wie wir über Nachbarn und Freunde sprechen. Sie beobachten uns beim Einkaufen, beim Autofahren, beim Streiten und beim Lösen von Problemen. Sie sehen, wie wir mit unserem Körper umgehen, wie wir über uns selbst sprechen, ob wir Grenzen setzen können und ob wir uns nach einem Fehler entschuldigen.

Und sie erleben, ob wir trotz aller Schwierigkeiten noch lachen können. Vielleicht sollten wir uns deshalb nicht ständig fragen: „Was muss ich meinem Kind noch beibringen?“ Manchmal ist eine andere Frage viel wichtiger:

„Was bringe ich meinem Kind jeden Tag bei, ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren?“

Denn Kinder schauen nicht nur dann hin, wenn wir ihnen etwas zeigen möchten. Oft beobachten sie uns gerade dann am genauesten, wenn wir längst vergessen haben, dass kleine Augen und Ohren in unserer Nähe sind.

Und irgendwann tragen sie einen Teil davon hinaus in ihr eigenes Leben. Nicht unbedingt die Regeln, die wir ihnen hundertmal gesagt haben. Sondern die Art, wie wir selbst gelebt haben.

Quellen

  • Remo H. Largo: Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. Piper Verlag.
    Über die kindliche Entwicklung und darüber, wie stark Kinder durch ihre alltägliche Umgebung und ihre Bezugspersonen geprägt werden.
  • Herbert Renz-Polster: Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung. Kösel Verlag.
    Beschreibt, was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen und welche Bedeutung Beziehungen und das Verhalten der Erwachsenen dabei haben.
  • Herbert Renz-Polster & Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Beltz.
    Zeigt, wie Kinder durch Erfahrungen, Beziehungen, Beobachtung und eigenes Erleben lernen und sich entwickeln.