Wie narzisstische Eltern Geschwister systematisch gegeneinander ausspielen

Die Familie, in der Liebe zu einem Wettbewerb wird
Die meisten Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein Leben lang füreinander da sind. Sie hoffen, dass Brüder und Schwestern einander unterstützen, gemeinsam lachen und auch in schwierigen Zeiten zusammenhalten.
Doch nicht in jeder Familie entsteht eine solche Verbindung.
In manchen Familien entwickelt sich schon früh ein unsichtbarer Kampf um Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe. Ein Kind bekommt Lob, während das andere kritisiert wird. Ein Kind wird ständig bewundert, während das andere das Gefühl hat, niemals gut genug zu sein.
Mit den Jahren werden aus Brüdern und Schwestern Konkurrenten.
Häufig steckt dahinter ein Muster, das Psychologen als Triangulation bezeichnen. Dabei beeinflusst eine Person die Beziehung zwischen zwei anderen Menschen, um Macht, Kontrolle oder Bewunderung zu gewinnen.
Genau das geschieht häufig in Familien mit narzisstischen Eltern.
Was sind narzisstische Eltern?
Narzisstische Eltern betrachten ihre Kinder oft nicht als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Stattdessen sehen sie sie als Teil ihrer eigenen Welt.
Die Kinder sollen Erwartungen erfüllen, die Familie stolz machen und das Bild aufrechterhalten, das die Eltern nach außen vermitteln möchten.
Deshalb wird Liebe häufig an Bedingungen geknüpft.
Ein Kind erhält Anerkennung, wenn es erfolgreich ist.
Ein anderes Kind wird gelobt, weil es gehorsam ist.
Ein drittes Kind übernimmt die Rolle des Vermittlers und versucht, den Frieden in der Familie zu bewahren.
Die Bedürfnisse der Kinder treten dabei immer weiter in den Hintergrund.
Der bewundernde Elternteil
Manche narzisstische Eltern möchten ständig im Mittelpunkt stehen. Sie erwarten Bewunderung, verlangen Aufmerksamkeit und reagieren empfindlich auf Kritik.
Sie entscheiden darüber, welches Kind ihren Vorstellungen entspricht und welches Kind als Enttäuschung betrachtet wird.
Solche Eltern vergleichen ihre Kinder ständig miteinander.
Der kontrollierende Elternteil
Andere narzisstische Eltern versuchen, jeden Bereich des Familienlebens zu beeinflussen. Sie möchten bestimmen, wie ihre Kinder denken, fühlen und handeln sollen.
Sie dulden keine abweichenden Meinungen und bestrafen jede Form von Unabhängigkeit.
Der verdeckte narzisstische Elternteil
Besonders schwer zu erkennen sind Eltern, die nach außen freundlich, großzügig und hilfsbereit wirken.
Hinter verschlossenen Türen erzeugen sie jedoch Schuldgefühle, üben Druck aus und manipulieren ihre Kinder.
Was bedeutet „systematisch gegeneinander ausspielen“?
Das Wort „systematisch“ bedeutet, dass dieses Verhalten nicht zufällig geschieht.
Die Eltern wiederholen bestimmte Verhaltensweisen immer wieder, bis sie zu einem festen Bestandteil des Familienlebens werden.
Die Kinder erkennen häufig gar nicht, dass sie manipuliert werden.
Sie glauben, dass ihr Bruder oder ihre Schwester der Grund für ihre Enttäuschung ist.
Tatsächlich werden sie jedoch bewusst in diese Rollen gedrängt.
Das Lieblingskind und das Problemkind
In vielen narzisstischen Familien gibt es ein sogenanntes Lieblingskind.
Dieses Kind wird ständig gelobt und erhält besondere Aufmerksamkeit. Seine Leistungen werden hervorgehoben, und Fehler werden häufig verharmlost.
Daneben gibt es oft ein Kind, das ständig kritisiert wird. Es gilt als schwierig, empfindlich oder problematisch.
Manchmal wechseln diese Rollen. Oft bleiben sie jedoch über viele Jahre bestehen.
Beispiel Nummer eins
Die Tochter bringt eine gute Note mit nach Hause. Anstatt sich mit ihr zu freuen, sagt die Mutter:
„Dein Bruder hätte bestimmt eine noch bessere Note bekommen.“
Der eigentliche Erfolg verliert dadurch seine Bedeutung.
Beispiel Nummer zwei
Der Sohn erzählt seinem Vater von einem Problem. Wenig später erfährt seine Schwester davon.
Plötzlich entstehen Misstrauen, Unsicherheit und Streit.
Beispiel Nummer drei
Ein Kind darf lange ausgehen und erhält viele Freiheiten. Das andere Kind wird ständig kontrolliert. Mit der Zeit entsteht das Gefühl, weniger wert zu sein.
Beispiel Nummer vier
Die Mutter erzählt ihrer Tochter: „Dein Bruder denkt nur an sich selbst.“
Dem Bruder sagt sie später: „Deine Schwester war schon immer eifersüchtig auf dich.“
Auf diese Weise wachsen Distanz und Misstrauen.
Warum geschieht das?
Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Manche Eltern genießen das Gefühl von Macht und Kontrolle.
Andere benötigen Bewunderung, um ihr eigenes Selbstwertgefühl zu stärken. Wieder andere haben Angst davor, die Aufmerksamkeit ihrer Kinder zu verlieren.
Deshalb sorgen sie dafür, dass die Geschwister voneinander getrennt bleiben. Denn Menschen, die einander vertrauen, lassen sich nur schwer kontrollieren.
Die Folgen im Erwachsenenalter
Viele Geschwister erkennen erst Jahre später, was tatsächlich geschehen ist.
Sie erinnern sich an Streit, Konkurrenz und verletzende Worte. Oft haben sie das Gefühl, dass ihre Kindheit von einem unsichtbaren Wettbewerb geprägt war.
Manche leiden unter Schuldgefühlen.
Andere haben Schwierigkeiten, enge Beziehungen aufzubauen. Wieder andere kämpfen mit dem Gefühl, niemals gut genug zu sein.
Wenn Geschwister die Wahrheit erkennen
Der schwierigste Augenblick ist oft der Moment, in dem Brüder und Schwestern verstehen, dass sie niemals Feinde waren.
Sie erkennen, dass sie beide dieselbe Sehnsucht hatten.
Sie wollten gesehen werden.
Sie wollten geliebt werden.
Sie wollten wichtig sein.
Und vielleicht erkennen sie irgendwann, dass sie sich all die Jahre nicht gegenseitig bekämpft haben.
Sie haben lediglich versucht, ihren Platz in einer Familie zu finden, in der Liebe und Anerkennung ungleich verteilt waren.



