Geschwister narzisstischer Eltern: Warum sie sich als Erwachsene oft fremd sind
„Wie könnt ihr euch so fremd sein? Ihr seid doch Geschwister.“
Diesen Satz hören Menschen, die kaum noch Kontakt zu ihrem Bruder oder ihrer Schwester haben. Sie sollen sich melden, nachgeben und vergessen, was gewesen ist. Schließlich sind sie im selben Haus aufgewachsen, haben dieselben Eltern und gehören zusammen.
Und ja, es kann sehr wehtun, wenn ausgerechnet der Mensch fehlt, der die eigene Kindheit kennt. Jemand, den man bei Sorgen anrufen möchte. Mit dem man Erinnerungen teilen könnte, ohne zuerst erklären zu müssen, wie es früher zu Hause war.
Aber was, wenn gerade diese Kindheit die Geschwister voneinander entfernt hat? Wenn sie früh gelernt haben, einander zu misstrauen? Wenn Nähe zwischen ihnen kaum wachsen konnte, weil sie ständig verglichen, unterschiedlich behandelt oder gegeneinander ausgespielt wurden?
Geschwister werden nicht allein durch Verwandtschaft zu einem sicheren Halt füreinander. Sie brauchen auch Erfahrungen, in denen Vertrauen entstehen darf.
Wenn Eltern zwischen ihren Kindern stehen
Kinder streiten. Sie sind eifersüchtig, wollen Aufmerksamkeit und empfinden manches als ungerecht. Eltern können ihnen helfen, diese Konflikte zu verstehen und wieder aufeinander zuzugehen.
Sie können die Spannungen aber auch verstärken.
„Dein Bruder hätte mich niemals so enttäuscht.“
„Mit deiner Schwester kann man wenigstens vernünftig reden.“
„Kein Wunder, dass die anderen nichts mit dir unternehmen wollen.“
Wer solche Sätze häufig hört, begegnet seinen Geschwistern irgendwann mit anderen Gefühlen. Aus der Schwester wird diejenige, an der man ständig gemessen wird. Der Bruder wird zum Konkurrenten um Anerkennung.
In Familien mit ausgeprägten narzisstischen Mustern kann sich diese Konkurrenz verfestigen. Nicht jeder Geschwisterkonflikt hat diese Ursache. Doch ein wiederholt spaltender Umgang der Eltern kann Beziehungen langfristig belasten.
Wer sind narzisstische Eltern?
Gemeint sind hier Eltern, die stark auf die eigenen Bedürfnisse nach Bestätigung, Einfluss oder einem guten Ansehen ausgerichtet sind.
Es fällt ihnen möglicherweise schwer, die Gefühle und Sichtweisen ihrer Kinder gleichberechtigt zu berücksichtigen.
Ein Kind wird dann besonders geschätzt, wenn es stolz macht, zustimmt oder wenig fordert. Widerspruch kann dagegen als Undankbarkeit empfunden werden.
Solche Eltern können fürsorglich wirken und viel leisten. Gleichzeitig reagieren sie vielleicht abwertend, sobald ein Kind ihre Entscheidungen hinterfragt.
Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung lässt sich daraus nicht aus der Ferne feststellen. Für die Geschwister zählt vor allem, was wiederholt geschieht: Werden sie fair behandelt? Dürfen sie unterschiedliche Erfahrungen aussprechen? Oder entscheidet die Nähe zu den Eltern darüber, wessen Sicht gilt?
Zwei Kinder, zwei Erfahrungen mit denselben Eltern
Eine Tochter erinnert sich an eine Mutter, die sie tröstete. Ihre Schwester erinnert sich an dieselbe Mutter als unberechenbar und kritisch.
Der Sohn erzählt, sein Vater habe ihn immer unterstützt. Sein Bruder weiß noch, wie oft er ausgelacht wurde.
Diese Unterschiede können tatsächlich bestehen. Eltern verhalten sich nicht gegenüber jedem Kind gleich. Lebensumstände verändern sich, Bedürfnisse unterscheiden sich, und manche Kinder passen stärker zu den Erwartungen der Erwachsenen.
Doch wenn ein Kind dauerhaft bevorzugt und ein anderes abgewertet wird, geht es um mehr als unterschiedliche Erziehung.
Dann bekommt eines die Botschaft: Deine Absichten sind gut. Dem anderen wird vermittelt: Bei dir stimmt grundsätzlich etwas nicht.
Beide wachsen miteinander auf, aber mit einem unterschiedlichen Gefühl dafür, wie sicher ihr Zuhause ist.
Warum wird ein Kind bevorzugt?
Manchmal erfüllt ein Kind die Vorstellungen der Eltern besonders gut. Es ist erfolgreich, angepasst oder übernimmt ihre Ansichten.
Vielleicht erinnert es sie an sich selbst. Vielleicht bewundert es sie und stellt wenige Fragen.
Ein anderes Kind äußert Kritik, braucht mehr Unterstützung oder möchte einen eigenen Weg gehen. Das kann als persönliche Zurückweisung erlebt werden.
Die Zuwendung richtet sich dann möglicherweise danach, wie angenehm das Kind für die Eltern ist.
Von außen lässt sich nicht sicher sagen, welches Kind sie innerlich lieben. Aber Kinder erleben Liebe durch Verhalten: durch Trost, Interesse, Schutz und einen fairen Umgang. Wenn diese Erfahrungen ungleich verteilt sind, hinterlässt das Verletzungen.
Wenn Nähe zwischen Geschwistern unerwünscht wird
Manche Eltern reagieren empfindlich darauf, wenn ihre Kinder sich miteinander austauschen und unabhängig von ihnen eine gemeinsame Sicht entwickeln.
Vielleicht haben die Geschwister nach einem Streit miteinander gesprochen. Anschließend heißt es: „Jetzt verbündet ihr euch gegen mich.“
Oder ein Elternteil erzählt jedem Kind etwas anderes über das andere. Vertrauliche Aussagen werden weitergegeben, gekürzt oder mit eigenen Bewertungen versehen.
Die Geschwister erfahren dann vieles übereinander durch die Eltern. Sie prüfen kaum noch direkt, was tatsächlich gesagt wurde.
Ob bewusst oder aus eingeübten Reaktionen heraus: Dieses Verhalten kann Misstrauen schaffen und den Einfluss der Eltern erhalten.
Das bevorzugte Kind ist nicht automatisch der Feind
Für das benachteiligte Kind kann es schwer sein, den Geschwistern ohne Bitterkeit zu begegnen. Schließlich haben sie Unterstützung bekommen, die ihm fehlte.
Vielleicht haben sie die Ungleichbehandlung auch genutzt oder selbst verletzende Dinge gesagt.
Das darf benannt werden. Gleichzeitig waren auch sie als Kinder abhängig von den Eltern. Manche hatten Angst, ihre bevorzugte Stellung zu verlieren. Andere verstanden die Situation erst viel später.
Diese Erklärung entschuldigt nicht jedes Verhalten. Sie kann aber helfen, zwischen elterlicher Verantwortung und dem damaligen Handlungsspielraum der Kinder zu unterscheiden.
Als Erwachsene tragen Geschwister Verantwortung dafür, wie sie heute miteinander umgehen.
Warum Gespräche über früher so schnell scheitern
„Du übertreibst. So waren unsere Eltern nicht.“
Für jemanden, der endlich über seine Verletzungen spricht, kann dieser Satz den Rückzug besiegeln.
Vielleicht möchte der andere die Eltern schützen. Vielleicht fühlt er sich selbst angegriffen oder kann die Erzählung nicht mit seinen Erinnerungen vereinbaren.
Doch Verständnis beginnt nicht damit, dieselben Erfahrungen nachweisen zu können.
Ein hilfreicher Satz wäre: „Das habe ich nicht mitbekommen. Erzähl mir, wie es für dich war.“
So entsteht Raum für Unterschiede. Niemand muss seine ganze Kindheit umdeuten, um dem anderen zuzuhören.
Wie Geschwister einen anderen Umgang finden können
Ein neuer Anfang braucht direkte Gespräche, Vertraulichkeit und die Bereitschaft, eigene Verletzungen ebenso anzusehen wie eigenes Fehlverhalten.
Dazu kann gehören, zu sagen: „Ich habe dir damals nicht geglaubt. Das tut mir leid.“
Ebenso wichtig ist, die alten Rollen nicht weiterzuführen. Der Bruder darf heute mehr sein als das frühere „Sorgenkind“. Die Schwester darf Grenzen setzen, ohne wieder als egoistisch zu gelten.
Manchmal hilft eine Familienberatung. Manchmal gelingt nur ein vorsichtiger Kontakt. Und manchmal bleibt Abstand nötig, weil Abwertung und Grenzverletzungen weitergehen.
Geschwisterlichkeit braucht auch heute Respekt
Es ist traurig, wenn Geschwister einander verlieren. Aber die Aufforderung, um jeden Preis zusammenzuhalten, macht eine verletzende Beziehung nicht sicherer.
Nähe kann dort entstehen, wo beide zuhören, Verantwortung übernehmen und den anderen außerhalb der elterlichen Bewertungen kennenlernen wollen.
Vielleicht habt ihr dieselben Eltern. Trotzdem dürft ihr unterschiedliche Geschichten erzählen — und müsst einander dafür nicht länger zurückweisen.
Quellen
– Julie L. Hall: The Narcissist in Your Life: Recognizing the Patterns and Learning to Break Free. Da Capo Lifelong Books. Besonders passend zu narzisstischen Familienmustern und zur Entfremdung zwischen Geschwistern. Englische Ausgabe.
– Jürg Frick: Ich mag dich – du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. Hogrefe. Zur Entwicklung von Geschwisterbeziehungen und ihrer Bedeutung über die Kindheit hinaus.
– Rebecca C. Mandeville: Rejected, Shamed, and Blamed: Help and Hope for Adults in the Family Ergänzend zu Schuldzuweisungen, Ausgrenzung und festgelegten Rollen innerhalb einer Familie. Englische Ausgabe.




