Tochter einer narzisstischen Mutter: Die Entschuldigung, die nie kommt

Tochter einer narzisstischen Mutter Die Entschuldigung, die nie kommt

Es gibt Sätze, auf die manche Töchter fast ihr ganzes Leben warten. Einer davon ist besonders kurz: „Es tut mir leid.“

Es tut mir leid, dass ich dich so oft kritisiert habe. Es tut mir leid, dass ich dich mit anderen verglichen habe. Es tut mir leid, dass ich deine Gefühle nicht ernst genommen habe. Es tut mir leid, dass du als Kind häufig das Gefühl hattest, nie gut genug zu sein.


Eine Tochter einer stark narzisstisch geprägten Mutter wartet manchmal jahrelang auf genau diese Worte. Nicht weil sie ihre Mutter bestrafen möchte. Nicht weil sie die Vergangenheit jeden Tag neu aufrollen will. Sondern weil sie sich wünscht, dass ihre Mutter wenigstens einmal erkennt, was ihr Verhalten in ihr ausgelöst hat.

Doch genau diese Entschuldigung kommt möglicherweise nie.


So war das überhaupt nicht

Vielleicht versucht die Tochter als Erwachsene irgendwann, über ihre Kindheit zu sprechen. Sie sagt: „Mama, ich hatte früher oft das Gefühl, dass ich dir nichts recht machen konnte.“

Und die Mutter antwortet sofort: „Was redest du denn da? Du hattest eine wunderschöne Kindheit.“

Die Tochter versucht es noch einmal.

„Ich sage nicht, dass alles schlecht war. Aber du hast mich oft mit anderen verglichen.“


„Das habe ich nur gemacht, damit aus dir etwas wird.“

„Aber es hat mich verletzt.“

„Du warst schon immer viel zu empfindlich.“

Damit ist das Gespräch meistens beendet.

Die Tochter wollte eigentlich nur erzählen, wie sie etwas erlebt hat. Doch plötzlich muss sie beweisen, dass sie überhaupt das Recht hat, verletzt zu sein.

Genau das kann besonders schmerzhaft sein. Denn möglicherweise kennt sie dieses Gefühl schon aus ihrer Kindheit.

Eine Mutter kann viel getan und trotzdem verletzt haben

Eine narzisstisch geprägte Mutter kann überzeugt davon sein, eine gute Mutter gewesen zu sein.

Vielleicht hat sie tatsächlich viel geleistet. Sie hat gekocht, gearbeitet, Kleidung gekauft, Hausaufgaben kontrolliert, Geburtstage organisiert und dafür gesorgt, dass es ihrem Kind materiell an nichts fehlte.

Deshalb versteht sie möglicherweise nicht, warum ihre erwachsene Tochter heute über emotionale Verletzungen spricht. „Ich habe mein ganzes Leben für dich geopfert.“

Dieser Satz kann stimmen – und trotzdem kann auch die Tochter recht haben. Denn ein Kind braucht nicht nur Essen, Kleidung und ein sauberes Zuhause.

Es braucht auch das Gefühl:

Ich darf traurig sein.

Ich darf Fehler machen.

Ich darf anderer Meinung sein.

Ich werde nicht weniger geliebt, wenn ich nicht perfekt bin.

Meine Mutter freut sich über mich, ohne dass ich vorher etwas leisten muss.

Wenn diese emotionale Sicherheit gefehlt hat, kann ein Kind äußerlich alles gehabt haben und innerlich trotzdem etwas vermissen.

Wenn die Tochter nie gut genug war

Vielleicht brachte sie eine gute Note nach Hause und hörte: „Warum keine Eins?“

Vielleicht zog sie ein schönes Kleid an und die Mutter sagte: „Das macht dich aber ziemlich breit.“

Vielleicht erzählte sie stolz von einem Erfolg und hörte: „Das ist doch nichts Besonderes.“

Vielleicht weinte sie und bekam zu hören: „Jetzt stell dich nicht so an.“

Für Erwachsene können solche Sätze unbedeutend erscheinen. Für ein Kind sind sie es nicht. Besonders dann nicht, wenn sie sich über Jahre wiederholen. Das Mädchen beginnt irgendwann, sich selbst durch die Augen seiner Mutter zu betrachten.

Bin ich gut genug?

Bin ich hübsch genug?

Habe ich etwas falsch gemacht?

Ist Mama stolz auf mich?

Und aus dem kleinen Mädchen wird vielleicht eine erwachsene Frau, die noch immer viel zu schnell an sich selbst zweifelt.

Die Tochter versucht immer wieder, endlich verstanden zu werden

Gerade deshalb kehren viele Töchter später noch einmal zu diesen Gesprächen zurück.  Sie glauben: Vielleicht versteht Mama mich heute.

Vielleicht ist genügend Zeit vergangen.

Vielleicht kann sie jetzt sehen, was damals passiert ist.

Also beginnt die Tochter vorsichtig: „Weißt du noch, wie du damals vor allen über mich gesprochen hast? Das hat mich sehr verletzt.“

Doch statt einer Entschuldigung kommt eine Rechtfertigung: „Das war doch nur Spaß.“

Oder ein Gegenangriff: „Und was hast du mir alles angetan?“

Oder die Mutter macht sich selbst zum Mittelpunkt:

„Dann war ich wohl eine schreckliche Mutter.“

Und plötzlich passiert etwas Merkwürdiges. Die Tochter, die eigentlich über ihre Verletzung sprechen wollte, beginnt die Mutter zu beruhigen.

„Nein, Mama, so habe ich das doch nicht gemeint.“

Wieder kümmert sie sich um die Gefühle ihrer Mutter. Und wieder bleibt für ihre eigenen kaum Platz.

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Warum ein einfaches „Es tut mir leid“ so schwer sein kann

Eine wirkliche Entschuldigung verlangt etwas, das manchen Menschen sehr schwerfällt: die eigene Unvollkommenheit auszuhalten.

Man muss sagen können: „Ich habe etwas falsch gemacht.“

Das bedeutet nicht: „Ich bin ein schlechter Mensch.“

Es bedeutet lediglich: „Mein Verhalten war in diesem Moment falsch.“

Doch bei stark narzisstischen Mustern kann Kritik schnell als Angriff auf die gesamte Person erlebt werden. Deshalb wird ein Fehler nicht einfach zugegeben, sondern abgewehrt, erklärt oder jemand anderem zugeschoben.

Dann hört die Tochter:

„Du hast mich damals auch provoziert.“

„Ich hatte selbst genug Probleme.“

„Andere Eltern waren viel schlimmer.“

Vielleicht stimmen sogar einzelne Teile davon. Aber nichts davon ersetzt die Worte: „Ich sehe, dass ich dich verletzt habe.“

Das Schlimmste ist manchmal nicht einmal die Vergangenheit

Für manche Töchter ist irgendwann nicht mehr nur das schmerzhaft, was vor zwanzig oder dreißig Jahren passiert ist.

Schmerzhafter ist, dass die Mutter es heute noch immer nicht sehen möchte.

Das Kind von damals konnte sich sagen: „Wenn ich einmal erwachsen bin, kann ich Mama erklären, wie ich mich gefühlt habe.“

Die erwachsene Frau versucht es. Und bekommt wieder dieselbe Antwort. „Du übertreibst.“

Dann wird nicht nur eine alte Wunde berührt. Es entsteht eine neue.

Denn nun versteht die Tochter möglicherweise langsam: Vielleicht wird meine Mutter mir niemals das geben, worauf ich so lange gewartet habe.

Diese Erkenntnis kann sehr traurig sein.

Vielleicht wird sie sich niemals entschuldigen

Irgendwann kommt eine schwierige Frage:

Wie lange möchte ich noch warten?

Bis die Mutter einsieht, was passiert ist?

Bis sie Verantwortung übernimmt?

Bis sie sagt, dass die Tochter recht hatte?

Was passiert, wenn dieser Tag niemals kommt?

Dann darf die Tochter etwas lernen, das zunächst ungerecht erscheinen kann: Sie darf auch ohne die Entschuldigung ihrer Mutter weitergehen.

Denn solange sie darauf wartet, dass ihre Mutter ihre Vergangenheit bestätigt, bleibt ihr innerer Frieden teilweise von genau diesem Menschen abhängig.

Die Mutter muss nicht sagen: „Ja, du hast recht“, damit die Tochter sagen darf: „Für mich war es schmerzhaft.“

Du musst nicht mehr beweisen, dass es wehgetan hat

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Veränderungen im Erwachsenenleben.

Du musst nicht mehr jedes Detail deiner Kindheit vor Gericht stellen.

Du musst deine Mutter nicht überzeugen.

Du musst nicht zum hundertsten Mal erklären, warum bestimmte Worte wehgetan haben.

Wenn du bereits versucht hast, darüber zu sprechen und jedes Gespräch wieder bei Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen oder Streit endet, darfst du irgendwann sagen:

„Wir sehen meine Kindheit unterschiedlich. Aber ich diskutiere nicht mehr darüber, ob meine Gefühle berechtigt sind.“ Das ist keine Bestrafung. Das ist eine Grenze.

Du darfst deine Mutter lieben und trotzdem Abstand brauchen

Manchmal denken Töchter, sie hätten nur zwei Möglichkeiten: entweder der Mutter alles verzeihen und so weitermachen wie bisher oder den Kontakt vollständig abbrechen.

Dazwischen gibt es jedoch viele Möglichkeiten.

Vielleicht telefonierst du seltener.

Vielleicht erzählst du bestimmte persönliche Dinge nicht mehr.

Vielleicht beendest du ein Gespräch, wenn deine Mutter beginnt, dich abzuwerten.

Vielleicht besuchst du sie kürzer.

Vielleicht lernst du, nicht mehr jede Provokation zu beantworten.

Und manchmal kann nach sehr schweren oder dauerhaft verletzenden Erfahrungen auch größerer Abstand notwendig sein.

Entscheidend ist nicht, was andere darüber denken.

Entscheidend ist, welche Form von Kontakt für dich emotional tragbar ist.

Verstehen heißt nicht entschuldigen

Vielleicht erkennst du irgendwann auch die Geschichte deiner Mutter.

Vielleicht hatte sie selbst eine Mutter, die sie ständig kritisierte. Vielleicht durfte sie als Kind keine Schwäche zeigen. Vielleicht hat sie niemals gelernt, über Gefühle zu sprechen oder sich zu entschuldigen.

Dieses Wissen kann manches erklären. Aber es macht deine Erfahrungen nicht unwichtig.

Du kannst verstehen, warum deine Mutter so geworden ist, und trotzdem sagen: „Das hätte sie mir nicht antun dürfen.“

Beides darf nebeneinander existieren. Mitgefühl braucht keine Selbstverleugnung.

Vielleicht gibst du dir heute selbst, worauf du gewartet hast

Die Tochter kann ihre Kindheit nicht verändern. Sie kann nicht zurückgehen und ihre Mutter dazu bringen, anders zu reagieren. Aber sie kann heute anders mit sich selbst umgehen.

Wenn sie traurig ist, muss sie sich nicht mehr sagen: „Stell dich nicht so an.“

Wenn sie einen Fehler macht, muss sie sich nicht beschimpfen.

Wenn jemand ihre Grenze überschreitet, darf sie Nein sagen.

Wenn sie erschöpft ist, darf sie sich ausruhen, ohne sich dafür zu schämen.

Und vielleicht lernt sie irgendwann sogar, sich selbst etwas zu sagen, das sie von ihrer Mutter viel zu selten gehört hat: „Du musst nichts leisten, damit du wertvoll bist.“

Die Entschuldigung, die nie kommt

Vielleicht wird deine Mutter eines Tages tatsächlich anders auf dich zugehen.

Vielleicht sagt sie irgendwann: „Ich habe vieles falsch gemacht. Es tut mir leid.“

Wenn dieser Tag kommt, darfst du selbst entscheiden, was diese Entschuldigung für dich bedeutet. Aber vielleicht kommt dieser Tag niemals. Dann muss dein Leben trotzdem weitergehen dürfen.

Denn du kannst Jahre damit verbringen, vor einer verschlossenen Tür zu stehen und darauf zu warten, dass jemand sie endlich öffnet.

Oder du kannst irgendwann erkennen: Ich muss nicht mein ganzes Leben vor dieser Tür verbringen.

Vielleicht wirst du nie die Entschuldigung bekommen, die du verdient hättest.

Vielleicht wird deine Mutter weiterhin sagen, dass alles ganz anders gewesen sei.

Aber ihre fehlende Einsicht muss nicht bestimmen, wie du den Rest deines Lebens mit dir selbst umgehst.

Du darfst dir glauben.

Du darfst Grenzen setzen.

Du darfst aufhören, dich zu erklären.

Und vor allem darfst du aufhören, darauf zu warten, dass ein einziges „Es tut mir leid“ endlich beweist, dass dein Schmerz berechtigt war.

Denn dein Schmerz wird nicht erst in dem Moment wahr, in dem deine Mutter ihn anerkennt.

Quellen

  • Nina W. Brown: Kinder egozentrischer Eltern. Junfermann Verlag. Das Buch beschreibt, welche langfristigen Folgen das Aufwachsen mit stark selbstbezogenen oder narzisstisch geprägten Eltern haben kann und wie erwachsene Kinder lernen können, sich emotional abzugrenzen.
  • Lindsay C. Gibson: Emotional unreife Eltern. Kailash Verlag. Gibson erklärt, warum emotional unreife und stark ichbezogene Eltern Schwierigkeiten haben können, die Gefühle ihrer Kinder wahrzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und eigene Fehler anzuerkennen.
  • Susan Forward: Vergiftete Kindheit. Elterliche Macht und ihre Folgen. Goldmann Verlag. Das Buch beschäftigt sich mit belastenden Eltern-Kind-Beziehungen und damit, wie Erfahrungen aus der Kindheit das Selbstbild und spätere Beziehungen beeinflussen können.