Wenn Eltern streiten und das Kind sich schuldig fühlt
In vielen Familien entstehen Konflikte nicht deshalb, weil Eltern ihr Kind nicht lieben, sondern gerade weil beide glauben, das Richtige für dieses Kind zu wollen. Die Mutter findet vielleicht, dass eine schlechte Note nicht sofort bestraft werden sollte, während der Vater mehr Konsequenz fordert.
Einer hält es für harmlos, wenn das Kind am Wochenende länger wach bleibt, der andere sieht darin bereits eine Regel, die nicht eingehalten wurde. Später kommen das Handy, die Schule, Freunde, Taschengeld und Ausgangszeiten hinzu. Aus einer einfachen Frage – „Wie sollen wir damit umgehen?“ – kann plötzlich ein Streit zwischen den Eltern werden.
Für Erwachsene geht es dabei um Erziehung. Für das Kind geht es jedoch sehr schnell um etwas anderes: um sich selbst.
Es hört seinen Namen, hört Vorwürfe und merkt, dass die Stimmung immer angespannter wird. Vielleicht fällt ein Satz wie: „Du bist viel zu streng mit ihr“, worauf der andere antwortet: „Und du erlaubst ihr alles.“ Am Ende geht ein Elternteil wütend aus dem Zimmer und das Kind bleibt mit einer einfachen Rechnung zurück: Bevor es um mich ging, war alles ruhig. Jetzt streiten meine Eltern. Also bin ich wahrscheinlich der Grund dafür.
Kinder tragen manchmal eine Schuld, die niemand ausgesprochen hat
Eltern müssen einem Kind nicht ausdrücklich sagen: „Du bist schuld“, damit es sich schuldig fühlt. Kinder versuchen selbst, einen Zusammenhang zwischen Ereignissen herzustellen.
Besonders wenn sie die tatsächlichen Hintergründe eines Konflikts nicht kennen, kann die einfachste Erklärung für sie lauten: Es liegt an mir.
Das Kind weiß beispielsweise nicht, dass seine Eltern schon seit Monaten unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung haben.
Es weiß nicht, dass beide müde sind oder dass es zwischen ihnen noch andere ungelöste Konflikte gibt. Es weiß nur, dass es eine schlechte Note nach Hause gebracht hat und am selben Abend gestritten wurde.
So kann aus „Meine Eltern streiten über meine Note“ innerlich etwas ganz anderes werden: „Meine Eltern streiten wegen mir.“
Und aus diesem Gedanken kann mit der Zeit eine noch tiefere Überzeugung entstehen: „Wenn ich mich richtig verhalte, kann ich verhindern, dass sie streiten.“
Damit übernimmt das Kind eine Verantwortung, die viel zu groß für sein Alter ist.
Plötzlich geht es nicht mehr darum, ehrlich zu sein, sondern Streit zu verhindern
Ein Kind, das solche Situationen häufiger erlebt, kann sein Verhalten verändern.
Es überlegt nicht mehr nur, ob die Eltern wegen einer schlechten Note schimpfen werden. Es überlegt, was diese Note zwischen den Eltern auslösen könnte.
Vielleicht versteckt es die Klassenarbeit.
Vielleicht erzählt es nicht, dass es Schwierigkeiten mit einem Lehrer hat. Es bittet nicht um etwas, weil es weiß, dass die Eltern darüber wieder unterschiedlicher Meinung sein könnten. Es verschweigt, dass es eine Regel gebrochen hat, bis es nicht mehr anders geht.
Von außen kann das wie Unehrlichkeit aussehen.
Doch dahinter kann auch der Versuch stehen, die familiäre Atmosphäre zu kontrollieren.
Das Kind möchte nicht unbedingt einer Konsequenz entkommen. Manchmal möchte es vor allem verhindern, dass am Abend wieder Türen zugeschlagen werden und zwei Menschen, die es liebt, wütend aufeinander sind.
„Ich muss einfach weniger Probleme machen“
Manche Kinder entwickeln daraus eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Sie werden früh selbstständig, erledigen vieles allein und verlangen wenig. Eltern können sogar stolz darauf sein.
„Unser Kind macht uns kaum Sorgen.“
Doch manchmal sollte man genauer hinsehen, warum ein Kind scheinbar nichts braucht.Vielleicht hat es gelernt, dass jedes zusätzliche Problem die Stimmung zu Hause belasten könnte.
Dann wird aus einem normalen kindlichen Bedürfnis schnell etwas, das sich wie eine Belastung anfühlt. Das Kind denkt nicht mehr: „Ich brauche Hilfe.“
Sondern: „Mama hat schon genug Sorgen.“
Es denkt nicht: „Ich möchte das gern haben.“
Sondern: „Dann streiten sie vielleicht wieder wegen des Geldes.“
Es denkt nicht: „Ich habe einen Fehler gemacht.“
Sondern: „Ich mache alles nur noch schlimmer.“
Das ist ein großer Unterschied.
Besonders belastend wird es, wenn Eltern das Kind zum Mittelpunkt ihres Konflikts machen
Noch schwieriger wird die Situation, wenn Erwachsene versuchen, ihre eigene Position über das Kind zu bestätigen.
„Sag du deinem Vater, dass du das ungerecht findest.“
„Deine Mutter ist schuld daran, dass du keine Grenzen kennst.“
„Bei Papa darfst du sowieso immer alles.“
Ein Kind wird dadurch in einen Loyalitätskonflikt gebracht. Es soll plötzlich beurteilen, welcher Elternteil recht hat.
Doch wie soll ein Kind diese Entscheidung treffen?
Es liebt beide.
Wenn es der Mutter zustimmt, kann es das Gefühl haben, den Vater zu verletzen. Stimmt es dem Vater zu, fühlt es sich vielleicht gegenüber der Mutter illoyal.
Deshalb versuchen manche Kinder irgendwann, es allen recht zu machen.
Sie sagen zu jedem etwas anderes. Sie vermitteln. Sie beschwichtigen. Sie beobachten ständig, wer gerade traurig oder wütend ist.
Nicht weil Kinder manipulativ wären, sondern weil sie versuchen, in einer emotional schwierigen Situation Sicherheit herzustellen.
Der gefährliche Satz: „Wir streiten nur wegen dir“
Im Ärger sagen Erwachsene manchmal Dinge, deren Wirkung sie unterschätzen.
„Jetzt haben wir deinetwegen schon wieder Streit.“
Vielleicht geht es tatsächlich um das Verhalten des Kindes. Trotzdem sollte dieser Satz möglichst nicht fallen.
Denn ein Kind hört daraus selten die differenzierte Botschaft: „Wir Eltern haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wir auf dein Verhalten reagieren sollten.“
Es hört: „Ich bin schuld daran, dass Mama und Papa unglücklich sind.“
Dabei muss etwas klar getrennt werden.
Ein Kind kann verantwortlich dafür sein, dass es seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.
Es kann verantwortlich dafür sein, dass es trotz einer Vereinbarung zu spät nach Hause gekommen ist.
Es kann für sein Verhalten Konsequenzen bekommen.
Aber es ist nicht dafür verantwortlich, dass zwei Erwachsene nicht in der Lage waren, ihre unterschiedlichen Ansichten ruhig miteinander zu besprechen.
Kinder müssen Verantwortung lernen. Sie sollten aber nicht die Verantwortung der Erwachsenen übernehmen.
Nicht jeder Streit vor Kindern ist automatisch schädlich
Eltern müssen ihren Kindern auch keine perfekte Beziehung vorspielen. Kinder dürfen erfahren, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sein können.
Entscheidend ist die Art des Konflikts.
Ein Kind, das erlebt, wie Eltern sagen: „Wir sehen das unterschiedlich, lass uns später darüber reden“, lernt etwas völlig anderes als ein Kind, das regelmäßig Anschuldigungen, Beleidigungen und Drohungen hört.
Auch Versöhnung ist wichtig. Kinder dürfen sehen, dass jemand sagen kann: „Es tut mir leid, ich war zu laut.“
Oder: „Ich habe etwas gesagt, das nicht in Ordnung war.“
Dadurch lernen sie nicht, dass Streit gefährlich ist, sondern dass Beziehungen Konflikte aushalten können und dass Menschen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.
Nach einem Streit sollte das Kind nicht mit seinen Gedanken alleinbleiben
Erwachsene möchten ein unangenehmes Ereignis häufig möglichst schnell vergessen. Am nächsten Morgen wird gefrühstückt, als wäre nichts gewesen.
Das Kind hat den Streit jedoch möglicherweise noch lange im Kopf.
Deshalb kann ein kurzes Gespräch wichtig sein.
Man muss keine Beziehungsprobleme mit dem Kind besprechen und auch nicht erklären, wer recht hatte. Es reicht häufig zu sagen:
„Du hast gestern unseren Streit mitbekommen. Wir waren uns über etwas nicht einig und hätten ruhiger miteinander reden sollen.“
Und dann sollte etwas folgen, das Kinder viel häufiger hören müssten: „Das war nicht deine Schuld.“
Selbst wenn der Streit mit einer Situation des Kindes begonnen hat, kann man sagen:
„Es ging zwar um deine Schule, aber wie wir Erwachsenen damit umgehen, ist unsere Verantwortung.“
Damit bekommt das Kind seine richtige Rolle zurück.
Es ist das Kind – nicht der Schiedsrichter, nicht der Vermittler und nicht der Verantwortliche für die Beziehung seiner Eltern.
Schuldgefühle können weit über die Kindheit hinausreichen
Wer früh gelernt hat, sich für die Stimmung in der Familie verantwortlich zu fühlen, kann dieses Muster später unbewusst fortsetzen.
Der Partner kommt schweigend nach Hause und sofort beginnt die Suche nach dem eigenen Fehler.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“
Ein Kollege wirkt gereizt und man fragt sich:
„Ist er wegen mir so?“
Bei einem Konflikt entsteht der starke Wunsch, ihn sofort zu beenden. Man entschuldigt sich schnell, gibt nach oder versucht, die andere Person wieder glücklich zu machen.
Dabei wäre manchmal eine ganz andere Frage notwendig: „Gehört dieses Gefühl überhaupt zu mir?“
Nicht jede schlechte Stimmung eines anderen Menschen ist unsere Verantwortung. Nicht jeder Konflikt muss von uns gelöst werden. Und nicht jedes Schweigen bedeutet, dass wir etwas falsch gemacht haben.
Für jemanden, der als Kind ständig die Atmosphäre zwischen seinen Eltern beobachtet hat, kann genau das eine wichtige neue Erfahrung sein.
Ein Kind sollte nicht für den Frieden der Erwachsenen bezahlen
Eltern werden Fehler machen. Sie werden sich manchmal über die Erziehung streiten und nicht immer sofort eine gemeinsame Lösung finden.
Das allein macht sie nicht zu schlechten Eltern.
Wichtig ist jedoch, dass die Verantwortung dort bleibt, wo sie hingehört.
Ein Kind darf hören:
„Wir müssen uns noch einigen.“
Es sollte aber nicht hören:
„Du bist schuld daran, dass wir uns nicht verstehen.“
Es darf lernen, dass sein Verhalten Folgen hat.
Es sollte aber niemals glauben, seine Existenz, seine Bedürfnisse oder seine Fehler würden die Familie zerstören.
Und vielleicht ist genau das etwas, das auch viele Erwachsene heute noch hören müssen.
Wenn du als Kind glaubtest, deine Eltern hätten weniger gestritten, wenn du bessere Noten geschrieben, weniger verlangt, früher geschlafen oder einfach besser funktioniert hättest, darfst du diese alte Rechnung heute korrigieren.
Du warst nicht dafür verantwortlich, Frieden zwischen zwei Erwachsenen herzustellen.
Du musstest ihre Beziehung nicht retten.
Du musstest nicht perfekt sein.
Du musstest auch nicht dafür sorgen, dass niemand wütend, enttäuscht oder traurig war.
Du durftest Fehler machen und trotzdem ein geliebtes Kind sein.
Denn die vielleicht wichtigste Botschaft nach einem Streit lautet nicht: „So etwas passiert nie wieder.“ Niemand kann das versprechen.
Viel wichtiger ist: „Wir Erwachsenen kümmern uns um unsere Konflikte. Du musst sie nicht tragen. Und du bist nicht schuld.“





