Die Tochter, die ihre Mutter tröstete, statt getröstet zu werden

Die Tochter, die ihre Mutter tröstete, statt getröstet zu werden

Manche Töchter erinnern sich kaum daran, von ihrer Mutter getröstet worden zu sein. Dafür erinnern sie sich sehr genau daran, wie oft sie selbst neben ihrer Mutter saßen und versuchten, deren Tränen zu trocknen.

Sie waren vielleicht acht, zehn oder zwölf Jahre alt und hörten Dinge, die eigentlich zu schwer für Kinderohren waren.


Probleme mit dem Vater. Geldsorgen. Enttäuschungen in der Ehe. Konflikte mit Verwandten. Einsamkeit. Ängste. Vielleicht sogar Sätze wie: „Du bist die Einzige, die mich versteht.“

Das Mädchen hört zu.

Es nimmt die Mutter in den Arm.

Es versucht, sie aufzumuntern.

Und irgendwo auf diesem Weg passiert etwas, das zunächst wie eine besonders enge Mutter-Tochter-Beziehung aussehen kann:

Das Kind beginnt, emotional für die Mutter zu sorgen, statt selbst umsorgt zu werden.



Wenn die Rollen langsam vertauscht werden

In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang häufig von Parentifizierung gesprochen.

Vereinfacht bedeutet dies, dass ein Kind Aufgaben oder Verantwortungen übernimmt, die eigentlich bei Erwachsenen liegen sollten.

Dabei kann zwischen praktischer und emotionaler Parentifizierung unterschieden werden.

Praktische Verantwortung kann beispielsweise bedeuten, dass ein Kind dauerhaft übermäßig viel im Haushalt übernimmt oder regelmäßig für jüngere Geschwister verantwortlich ist.

Bei emotionaler Parentifizierung geschieht etwas weniger Sichtbares. Das Kind wird zum Zuhörer, Tröster, Vermittler oder emotionalen Halt eines Elternteils.

Gerade bei Töchtern kann dies manchmal als besondere Nähe missverstanden werden. „Meine Tochter und ich sind beste Freundinnen.“

Das kann liebevoll klingen.

Doch ein Kind braucht zunächst keine Mutter, deren wichtigste Vertraute es sein muss. Es braucht eine Mutter, bei der es selbst Kind sein darf.

„Mama ist traurig, also darf ich jetzt nicht schwierig sein“

Kinder nehmen die Stimmung ihrer Eltern erstaunlich fein wahr. Eine Tochter merkt möglicherweise sehr früh, dass ihre Mutter belastet ist.

Vielleicht gibt es häufig Streit zu Hause. Vielleicht ist die Mutter allein, überfordert, krank oder emotional verletzt.

Das Kind zieht daraus seine eigenen Schlüsse.

„Ich darf Mama nicht zusätzlich belasten.“

Also erzählt es nicht, dass es in der Schule Probleme hat.

Es verschweigt, dass jemand gemein zu ihm war.

Es weint lieber allein.

Wenn die Mutter fragt:

„Alles in Ordnung?“

antwortet die Tochter:

„Ja.“

Nicht unbedingt, weil alles in Ordnung ist.

Sondern weil sie glaubt, die Mutter habe bereits genug Probleme.

So lernt ein Kind etwas, das später tief sitzen kann:

Die Gefühle anderer sind wichtiger als meine eigenen.

Die Tochter wird zur kleinen Erwachsenen

Vielleicht kennt sie die finanziellen Sorgen ihrer Mutter.

Sie weiß, warum die Eltern gestritten haben.

Sie kennt Einzelheiten über die Beziehung der Erwachsenen.

Sie weiß, wann Mama einen schlechten Tag hat, und entwickelt ein feines Gespür dafür, wie sie sich verhalten muss.

Wenn Mama traurig ist, versucht sie lustig zu sein.

Wenn Mama wütend ist, wird sie besonders ruhig.

Wenn Mama weint, bringt sie Taschentücher.

Vielleicht sagt sie sogar: „Mama, mach dir keine Sorgen. Ich bin doch bei dir.“

Ein wunderschöner Satz. Und gleichzeitig ein trauriger, wenn er regelmäßig von einem Kind kommen muss.

Denn eigentlich sollte ein Kind nicht das Gefühl haben, für die emotionale Stabilität seiner Mutter verantwortlich zu sein.

Die Tochter, Die Ihre Mutter Tröstete, Statt Getröstet Zu Werden(1)

Das Problem ist nicht, die Mutter einmal zu trösten

Natürlich dürfen Kinder ihre Eltern trösten.

Eine Mutter darf vor ihrer Tochter weinen. Eltern müssen ihren Kindern keine künstliche Welt vorspielen, in der Erwachsene niemals traurig, erschöpft oder ängstlich sind.

Es kann sogar gesund sein, wenn ein Kind erlebt:

Mama ist traurig – und Gefühle dürfen gezeigt werden.

Entscheidend ist jedoch, was danach passiert.

Eine emotional verantwortliche Mutter vermittelt: „Ich bin gerade traurig, aber du musst dich nicht um mich kümmern. Ich komme damit zurecht.“

Problematisch wird es, wenn das Kind dauerhaft spürt: Wenn ich Mama nicht auffange, fällt sie auseinander. Dann ist aus Mitgefühl Verantwortung geworden.

Wer tröstet eigentlich die Tochter?

Das ist vielleicht die wichtigste Frage.

Wenn die Tochter traurig ist – zu wem geht sie?

Wenn sie Angst hat – wer beruhigt sie?

Wenn sie einen Fehler macht – darf sie selbst schwach sein?

Oder denkt sie zuerst darüber nach, wie ihre Mutter reagieren wird?

Manche Töchter entwickeln früh eine erstaunliche Selbstständigkeit.

Andere Erwachsene sagen vielleicht:

„Sie ist so reif für ihr Alter.“

„Mit ihr gibt es nie Probleme.“

„Sie kümmert sich so liebevoll um alle.“

Was wie ein Kompliment klingt, kann manchmal auch eine Geschichte über ein Kind erzählen, das sehr früh gelernt hat, wenig zu brauchen.

Später wird sie die Frau, die immer für alle da ist

Kindheitsrollen verschwinden nicht automatisch mit dem 18. Geburtstag.

Eine Tochter, die gelernt hat, andere emotional zu versorgen, kann später genau diese Position in Freundschaften und Partnerschaften wieder einnehmen.

Sie ist diejenige, die zuhört.

Die versteht.

Die entschuldigt.

Die vermittelt.

Die sofort merkt, wenn sich die Stimmung eines anderen verändert. Sie kann stundenlang über die Probleme anderer sprechen.

Doch wenn jemand sie fragt: „Und wie geht es dir eigentlich?“ weiß sie manchmal gar nicht, was sie antworten soll.

Vielleicht sagt sie automatisch: „Gut.“ Sie hat gelernt, andere Menschen zu lesen. Aber ihre eigenen Bedürfnisse hat sie nie genauso aufmerksam lesen gelernt.

Grenzen können sich wie Schuld anfühlen

Besonders schwierig kann es werden, Nein zu sagen. Die erwachsene Tochter möchte vielleicht einen Abend für sich haben.

Dann ruft die Mutter an.

Sie ist traurig.

Sie hat Streit.

Sie braucht jemanden zum Reden.

Sofort taucht das alte Gefühl auf:

Ich kann Mama doch jetzt nicht allein lassen.

Also hört die Tochter wieder zu.

Eine Stunde.

Zwei Stunden.

Danach ist sie erschöpft.

Vielleicht ärgert sie sich sogar über ihre Mutter – und fühlt sich unmittelbar danach schuldig für diesen Ärger.

Genau hier zeigt sich, wie tief die alte Rolle geworden ist. Eine Grenze fühlt sich nicht wie Selbstschutz an. Sie fühlt sich wie Verrat.

Auch Beziehungen können darunter leiden

Wer früh gelernt hat, Liebe mit emotionaler Verantwortung zu verbinden, kann später Beziehungen wählen, in denen wieder viel getragen werden muss.

Ein Partner ist ständig in einer Krise.

Ein Freund braucht immer Hilfe.

Jemand erzählt stundenlang von seinen Problemen, fragt aber selten zurück. Und die Tochter fühlt sich in dieser Rolle merkwürdig vertraut. Nicht unbedingt, weil sie leiden möchte. Sondern weil ihr Nervensystem gelernt hat:

Nähe bedeutet, gebraucht zu werden. Deshalb kann eine ruhige, gegenseitige Beziehung anfangs sogar ungewohnt wirken.

Was soll ich tun, wenn niemand gerettet werden muss?

Bin ich noch wichtig, wenn ich nichts für jemanden löse?

Die Mutter muss deshalb kein schlechter Mensch sein

Auch dieser Punkt ist wichtig. Emotionale Parentifizierung entsteht nicht immer aus böser Absicht. Manche Mütter hatten selbst niemals jemanden, der ihnen zuhörte.

Vielleicht lebten sie in einer schwierigen Ehe.

Vielleicht waren sie allein.

Vielleicht hatten sie finanzielle Probleme oder selbst eine belastende Kindheit.

Und plötzlich war da diese liebevolle Tochter, die zuhörte und verstand.

So kann eine Grenze langsam verschwimmen, ohne dass die Mutter bewusst entschieden hat: „Ich mache mein Kind für meine Gefühle verantwortlich.“

Das kann erklären, wie eine solche Dynamik entsteht. Aber eine Erklärung macht die Folgen für das Kind nicht automatisch ungeschehen.

Man darf Mitgefühl für die Geschichte der Mutter haben und gleichzeitig anerkennen: Ich musste als Kind etwas tragen, das nicht meine Aufgabe war.

Beides kann wahr sein.

Heilung beginnt mit einem neuen Satz

Für viele erwachsene Töchter beginnt Veränderung mit einer Erkenntnis: Ich bin nicht für die Gefühle meiner Mutter verantwortlich.

Das bedeutet nicht: „Ihre Gefühle interessieren mich nicht.“

Es bedeutet: „Ich darf sie lieben, ohne sie retten zu müssen.“

Dieser Unterschied ist enorm.

Du darfst sagen: „Mama, ich kann heute nicht lange telefonieren.“

Du darfst ein Gespräch beenden, wenn es dir zu viel wird.

Du darfst sagen: „Darüber möchte ich keine Einzelheiten hören.“

Und du darfst deiner Mutter zutrauen, ihre eigenen Probleme mit anderen Erwachsenen oder professioneller Unterstützung zu bearbeiten.

Grenzen sind keine Bestrafung. Sie können eine Beziehung sogar ehrlicher machen.

Die Tochter darf lernen, selbst Trost anzunehmen

Heilung besteht aber nicht nur darin, weniger für andere zu tun. Sie besteht auch darin, etwas zu lernen, das vielleicht viel schwieriger ist: selbst etwas zu brauchen.

Zu sagen:

„Mir geht es heute nicht gut.“

„Kannst du bei mir bleiben?“

„Ich brauche Hilfe.“

„Ich schaffe das gerade nicht allein.“

Für jemanden, der sein Leben lang stark war, können solche Sätze unglaublich verletzlich wirken.

Doch genau darin liegt ein wichtiger Schritt.

Du musst Liebe nicht verdienen, indem du nützlich bist.

Du musst nicht jedes Problem lösen, damit jemand bei dir bleibt.

Du darfst auch dann wertvoll sein, wenn du müde, traurig, überfordert oder einfach einmal diejenige bist, die gehalten werden möchte.

Du darfst heute das Kind in dir trösten

Vielleicht kannst du deine Kindheit nicht verändern.

Du kannst nicht zurückgehen und dem kleinen Mädchen die Verantwortung aus der Hand nehmen.

Aber du kannst heute anders mit dir umgehen.

Du kannst deine Gefühle ernst nehmen.

Du kannst Grenzen setzen.

Du kannst Beziehungen suchen, in denen Geben und Nehmen möglich sind.

Und wenn alte Muster sehr tief sitzen, kann therapeutische Unterstützung helfen, sie zu verstehen und schrittweise zu verändern.

Vor allem aber kannst du diesem Mädchen in dir etwas sagen, das es damals vielleicht viel häufiger hätte hören müssen:

„Du musst Mama nicht retten.“

„Du darfst traurig sein.“

„Du darfst etwas brauchen.“

„Du bist nicht dafür verantwortlich, dass alle anderen glücklich sind.“

Vielleicht warst du damals die Tochter, die ihre Mutter tröstete, obwohl sie selbst Trost gebraucht hätte. Heute musst du diese Rolle nicht für immer weitertragen. Du darfst deine Mutter lieben, ohne ihre Last zu deiner eigenen zu machen.

Und du darfst endlich lernen, dass Liebe nicht nur bedeutet, für andere da zu sein. Liebe bedeutet auch, dass jemand für dich da sein darf. 

Quellen

  • Lindsay C. Gibson: Adult Children of Emotionally Immature Parents: How to Heal from Distant, Rejecting, or Self-Involved Parents. New Harbinger Publications, 2015.
  • Jonice Webb & Christine Musello: Running on Empty: Overcome Your Childhood Emotional Neglect. Morgan James Publishing, 2012.
  • Susan Forward & Donna Frazier Glynn: Mothers Who Can’t Love: A Healing Guide for Daughters. Harper, 2013.