Wenn das Kind zu viel fühlt – Ein Elternratgeber

Es gibt Kinder, bei denen scheint alles direkt ins Herz zu gehen. Ein falscher Tonfall am Frühstückstisch, ein kritischer Blick der Lehrerin, ein Streit zwischen den Eltern, eine Freundin, die plötzlich neben jemand anderem sitzt. Was andere Kinder nach wenigen Minuten vergessen, beschäftigt sie manchmal noch am Abend.
„Mama, bist du böse?“
„Papa, warum bist du so still?“
„Meinst du, meine Freundin mag mich nicht mehr?“
„War ich heute schlecht?“
Eltern können davon irgendwann erschöpft sein. Nicht weil sie ihr Kind nicht verstehen wollen, sondern weil sie das Gefühl bekommen, ständig etwas auffangen zu müssen. Kaum ist eine Sorge beruhigt, taucht die nächste auf.
Aus einer kleinen Enttäuschung werden Tränen, aus einer Planänderung ein Drama und aus einem strengen Satz eine Geschichte, über die das Kind noch Stunden nachdenkt.
Dann fällt schnell der Satz: „Du fühlst einfach alles viel zu stark.“
Aber was bedeutet es eigentlich, wenn ein Kind scheinbar „zu viel“ fühlt?
Vielleicht ist es nicht zu viel – sondern einfach intensiver
Kinder unterscheiden sich enorm darin, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen.
Das eine Kind kommt aus der Schule, wirft den Rucksack in die Ecke und hat den Streit auf dem Pausenhof schon vergessen. Das andere erzählt beim Abendessen noch jedes einzelne Wort.
Das eine hört die Eltern diskutieren und spielt anschließend weiter. Das andere liegt später im Bett und fragt sich, ob Mama und Papa sich trennen werden.
Es wäre leicht, daraus Schwäche zu machen.
Doch starke Emotionalität ist zunächst keine Charakterschwäche.
Manche Kinder nehmen Reize, Stimmungen und zwischenmenschliche Veränderungen besonders intensiv wahr. Gleichzeitig verfügen Kinder noch nicht über die Erfahrungen und Strategien eines Erwachsenen, um alles einzuordnen.
Ein Erwachsener kann denken: „Mein Kollege war heute schlecht gelaunt. Das hat wahrscheinlich gar nichts mit mir zu tun.“
Ein Kind denkt vielleicht: „Mama ist schlecht gelaunt. Habe ich etwas gemacht?“ Und schon übernimmt es Verantwortung für etwas, das überhaupt nicht zu ihm gehört.
Der erste Fehler: Das Gefühl kleinreden
Wenn ein Kind zum fünften Mal wegen einer vermeintlichen Kleinigkeit weint, ist die Versuchung groß zu sagen:
„Das ist doch überhaupt nicht schlimm.“
Für den Erwachsenen stimmt das vielleicht sogar.
Für das Kind jedoch nicht.
Stellen wir uns ein Mädchen vor, das auf einen Kindergeburtstag nicht eingeladen wurde. Es kommt nach Hause und weint.
Die Mutter möchte helfen und sagt:
„Ach komm, das Mädchen ist sowieso nicht deine beste Freundin. Wir machen am Wochenende etwas Schönes.“
Gut gemeint.
Aber das Kind wollte vielleicht gar keinen Ersatz für die Party. Es wollte zuerst hören:
„Du wärst gerne eingeladen worden. Das tut weh.“
Zwischen diesen beiden Reaktionen liegt ein wichtiger Unterschied.
Im ersten Fall versucht der Erwachsene, das Gefühl möglichst schnell zu beseitigen.
Im zweiten Fall hilft er dem Kind, das Gefühl zu verstehen.
Und genau dort beginnt emotionale Entwicklung.
Ein Elternratgeber muss nicht mit perfekten Sätzen beginnen
Eltern bekommen heute unzählige Ratschläge darüber, wie sie mit den Gefühlen ihrer Kinder umgehen sollen. Manchmal entsteht dadurch der Eindruck, jede Reaktion müsse pädagogisch perfekt sein.
Das ist unrealistisch.
Kein Elternteil bleibt jeden Tag geduldig.
Wenn das Kind morgens zum dritten Mal weint, weil die Socken unbequem sind, während gleichzeitig das Frühstück auf dem Tisch steht und alle zu spät kommen, wird kaum jemand ruhig eine zehnminütige Unterhaltung über Emotionen führen.
Das muss auch nicht sein.
Es reicht manchmal zu sagen:
„Ich sehe, dass dich das gerade stört. Wir müssen trotzdem los. Heute Abend können wir schauen, welche Socken angenehmer sind.“
Das Kind bekommt damit zwei Botschaften gleichzeitig:
Ich sehe dich. Und trotzdem geht das Leben weiter.
Beides ist wichtig.
Sensible Kinder brauchen keine Welt ohne Frust
Ein häufiger Irrtum besteht darin, sensible Kinder vor möglichst jeder unangenehmen Erfahrung schützen zu wollen.
Das funktioniert langfristig nicht.
Die Freundin wird irgendwann Nein sagen. Ein Lehrer wird kritisieren. Ein Spiel wird verloren. Ein Wunsch wird nicht erfüllt. Andere Menschen werden schlechte Laune haben. Später kommen Liebeskummer, Konflikte und Enttäuschungen hinzu.
Das Ziel kann deshalb nicht sein, ein Kind vor jedem unangenehmen Gefühl zu bewahren.
Es muss lernen:
„Ich kann enttäuscht sein und trotzdem weitermachen.“
„Ich kann Angst haben und trotzdem etwas ausprobieren.“
„Jemand kann sauer auf mich sein, ohne dass ich deshalb wertlos bin.“
Diese innere Stabilität entsteht nicht dadurch, dass Gefühle verboten werden. Sie entsteht, indem ein Kind Gefühle erlebt und dabei erfährt, dass sie vorübergehen.
Wenn das Kind die Gefühle der Eltern übernimmt
Besonders aufmerksam sollten Eltern werden, wenn ein Kind ständig die Stimmung zu Hause kontrolliert.
„Mama, warum guckst du so?“
„Bist du traurig?“
„Habt ihr euch gestritten?“
„Bist du wegen mir sauer?“
Natürlich fragen Kinder gelegentlich so etwas. Problematisch wird es, wenn ein Kind sich zunehmend dafür verantwortlich fühlt, dass alle anderen glücklich sind.
Dann versucht es vielleicht, besonders brav zu sein, wenn Mama gestresst ist. Es macht keine Probleme, wenn Papa müde aussieht. Es erzählt nicht, dass es selbst traurig ist, weil zu Hause schon genug los ist.
Nach außen wirkt dieses Kind manchmal außergewöhnlich vernünftig.
Innerlich trägt es jedoch viel.
Hier können Eltern etwas sehr Wichtiges tun: Verantwortung zurücknehmen.
„Ja, ich bin heute gestresst. Aber das ist eine Sache der Erwachsenen. Du musst das nicht lösen.“
Ein solcher Satz kann für ein Kind unglaublich entlastend sein.
Es darf Mama wahrnehmen, ohne Mama retten zu müssen.
„Beruhige dich“ funktioniert selten
Wenn ein Kind mitten in einem Gefühlssturm steckt, erreicht Logik es manchmal kaum.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Es gibt keinen Grund zu weinen.“
„Beruhige dich endlich.“
Das Problem ist: Wenn sich ein Mensch auf Kommando beruhigen könnte, würde er es wahrscheinlich tun.
Besser ist es häufig, zunächst selbst ruhig zu bleiben.
Nicht zehn Fragen stellen. Nicht sofort erklären. Nicht unbedingt eine Lösung verlangen.
Manchmal braucht ein Kind einen ruhigen Erwachsenen, der einfach da ist.
Erst wenn die stärkste Emotion abgeklungen ist, kann man darüber sprechen, was passiert ist.
„Was hat dich gerade so getroffen?“
„Was hast du in diesem Moment gedacht?“
„Was hätte dir geholfen?“
So lernt das Kind langsam, seine eigene innere Welt zu lesen.
Nicht jedes Weinen braucht Aufmerksamkeit
Auch hier braucht es Balance.
Wenn Eltern auf jede kleine Frustration mit enormer Aufmerksamkeit reagieren, kann sich ungewollt ein Muster entwickeln, bei dem starke emotionale Reaktionen immer mehr Raum bekommen.
Deshalb darf ein Elternteil durchaus ruhig bleiben.
Das Kind schreit, weil es kein zweites Eis bekommt?
„Ich weiß, du möchtest noch eins. Heute gibt es kein zweites.“
Mehr muss manchmal gar nicht gesagt werden.
Keine zwanzigminütige Diskussion.
Keine Drohung.
Aber auch keine Beschämung.
Die Grenze bleibt stehen, während das Gefühl vorbeiziehen darf.
Das ist etwas anderes, als ein Kind mit seinen Emotionen allein zu lassen.
Achten Sie auf das Kind, das niemals „zu viel“ verlangt
Interessanterweise sind nicht immer die lautesten Kinder diejenigen, die emotional am meisten Unterstützung benötigen.
Manche empfindsamen Kinder werden still.
Sie merken sehr früh, dass ihre Gefühle anderen zu anstrengend sind.
Also hören sie auf, sie zu zeigen.
Das Mädchen, das früher wegen jeder Kleinigkeit weinte, sagt plötzlich: „Ist mir egal.“
Der Junge, der immer erzählt hat, was ihn beschäftigt, sagt nur noch: „Alles gut.“
Für Erwachsene kann das wie Reife wirken.
Manchmal ist es tatsächlich Entwicklung.
Manchmal ist es Rückzug.
Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf die Lautstärke eines Gefühls zu achten, sondern auch auf Veränderungen.
Ein Kind sollte wissen, dass es zu Hause weder besonders fröhlich noch besonders unkompliziert sein muss, um willkommen zu sein.
Das Kind braucht Eltern – keine Therapeuten
Eltern müssen nicht jede emotionale Reaktion analysieren.
Sie müssen nicht hinter jedem Wutanfall ein Kindheitstrauma vermuten und nicht jedes traurige Gesicht psychologisch interpretieren.
Kinder brauchen in erster Linie Beziehung, Verlässlichkeit und Orientierung.
Gemeinsam essen.
Zuhören.
Grenzen setzen.
Nach einem Streit wieder aufeinander zugehen.
Sich entschuldigen, wenn man selbst ungerecht war.
Zusammen lachen.
Dem Kind Aufgaben zutrauen.
Es manchmal scheitern lassen und trotzdem da sein.
Gerade empfindsame Kinder profitieren davon, wenn nicht ständig über ihre Empfindsamkeit gesprochen wird.
Sie sollen nicht mit dem Gefühl aufwachsen: „Ich bin das sensible Kind, auf das alle besonders aufpassen müssen.“
Sie dürfen einfach Kinder sein.
Aus dem Kind, das „zu viel“ fühlt, kann ein starker Erwachsener werden
Vielleicht sitzt heute ein achtjähriges Kind vor Ihnen und weint, weil sein Freund etwas Gemeines gesagt hat.
Vielleicht fragen Sie sich insgeheim: Wie soll dieses Kind später mit der Härte der Welt zurechtkommen?
Die Antwort lautet nicht unbedingt: indem es härter wird.
Vielleicht lernt es etwas Besseres.
Es lernt, Gefühle zu erkennen, ohne ihnen blind zu folgen. Es lernt, Mitgefühl zu haben, ohne die Probleme aller anderen zu tragen. Es lernt Nein zu sagen, obwohl jemand enttäuscht ist. Es lernt, dass Ablehnung weh tun kann, aber den eigenen Wert nicht bestimmt.
Und irgendwann wird aus dem Kind, das angeblich „alles zu sehr fühlte“, vielleicht ein Erwachsener, der sehr genau spürt, was in ihm und anderen vorgeht – ohne sich darin zu verlieren.
Dafür braucht es heute keine Eltern, die jedes Problem beseitigen.
Es braucht Eltern, die ihm immer wieder vermitteln:
„Ich sehe, dass du gerade viel fühlst. Du musst deine Gefühle nicht verstecken. Aber du wirst lernen, mit ihnen umzugehen – und ich traue dir zu, dass du das kannst.“



