Spieleabend in der Familie: 5 Dinge, die Kinder beim Verlieren lernen

Spieleabend in der Familie 5 Dinge, die Kinder beim Verlieren lernen

„Das ist unfair! Ich spiel nicht mehr mit!“ Der Würfel rollt vom Tisch. Das Spielbrett wird weggeschoben.

Eben war noch alles gut.


Ihr habt gelacht.

Ihr habt Kekse gegessen.

Und dann wirft die große Schwester die letzte Figur raus. Dein Siebenjähriger springt auf, die Augen voller Tränen.

Vielleicht denkst du in diesem Moment: Wozu machen wir das eigentlich? Gerade jetzt, wenn es abends früh dunkel wird, holen viele Familien die Spiele wieder aus dem Schrank.

Und genau solche Abende sind wertvoll. Nicht obwohl Kinder verlieren. Sondern gerade deshalb.

Beim Spielen erleben Kinder große Gefühle in einem sicheren Rahmen. Es geht um nichts und gleichzeitig um alles.


Jedes Kind ist anders, und jedes Alter auch. Ein Vierjähriger verliert anders als eine Zehnjährige.

Doch es gibt Dinge, die viele Kinder am Spieltisch lernen, ganz ohne Vortrag.

Fünf davon sind besonders wichtig.


1. Enttäuschung ist ein Gefühl, das man aushalten kann

Verlieren tut weh. Auch wenn es nur ein Brettspiel ist.

Für ein Kind kann sich eine Niederlage anfühlen wie ein kleiner Weltuntergang.

Und das ist in Ordnung.

Wichtig ist, was danach passiert.

Wenn ein Erwachsener ruhig bleibt.

Wenn das Kind weinen oder schimpfen darf, ohne ausgelacht zu werden.

Wenn jemand sagt: „Ich sehe, dass du dich ärgerst. Das verstehe ich.“

Dann lernt es etwas Wichtiges.

Dieses Gefühl geht vorbei.

Und danach ist die Welt noch da.

Manche Kinder brauchen dafür mehr Zeit als andere.

Das hat oft weniger mit Erziehung zu tun als mit Temperament.

Kinder lernen nicht, Enttäuschungen auszuhalten, indem man sie davor bewahrt. Sondern indem man sie dabei begleitet.

2. Fair bleiben, auch wenn es schwerfällt

„Darf ich noch mal würfeln? Der zählt nicht!“

Wer verliert, sucht manchmal nach einem Ausweg.

Eine kleine Regeländerung.

Ein Würfel, der „schief“ lag.

Eine Karte, die ganz zufällig unter dem Tisch landet.

Das ist bei jüngeren Kindern ganz normal.

Doch beim Spieleabend erleben sie auch, dass Regeln für alle gelten.

Für die Kleinen.

Für die Großen.

Und auch für Mama und Papa.

Kinder spüren sehr genau, ob es gerecht zugeht. Und sie lernen, dass Fairness manchmal bedeutet, etwas auszuhalten, das einem nicht gefällt.

Wer am Spieltisch fair bleiben lernt, übt im Kleinen, was im Leben im Großen zählt.

3. Nach einer Niederlage kann man wieder mitmachen

Das Spiel ist vorbei. Das Kind hat verloren.

Es sitzt mit verschränkten Armen in der Ecke.

Vielleicht braucht es ein paar Minuten auf dem Sofa.

Einen Schluck Wasser. Eine Umarmung.

Das ist kein Aufgeben. Das ist Durchatmen.

Und dann fragt jemand: „Noch eine Runde?“

Dieser Moment ist ein kleiner Schatz.

Denn wenn das Kind zurück an den Tisch kommt, lernt es: Eine Niederlage ist kein Ende.

Man kann es noch einmal versuchen.

Man kann es anders machen.

Und manchmal gewinnt man beim nächsten Mal.

Diese Erfahrung trägt weit über den Spieleabend hinaus. In die Schule, in Freundschaften, in den Sportverein.

Besonders Kinder, die intensiver fühlen, brauchen dafür manchmal mehr Zeit.

Mut bedeutet für ein Kind oft ganz einfach: sich nach einem Tränenausbruch wieder an den Tisch zu setzen.

4. Man kann anderen den Sieg gönnen

Die kleine Schwester gewinnt. Zum ersten Mal.

Sie strahlt über das ganze Gesicht.

Und der große Bruder? Muss schlucken.

Anderen etwas zu gönnen, ist nicht leicht.

Auch für Erwachsene nicht.

Doch am Spieltisch erleben Kinder, dass die Freude eines anderen nichts von ihnen wegnimmt.

Vielleicht sagt der Bruder irgendwann sogar: „Gut gemacht.“

Leise. Etwas widerwillig.

Aber er sagt es.

Manchmal hilft es, nach dem Spiel kurz darüber zu sprechen.

„Wie hat sich deine Schwester wohl gefühlt, als sie gewonnen hat?“

Solche Fragen öffnen den Blick für den anderen.

„Gut gemacht“ zu sagen, wenn man selbst verloren hat, ist eine der schönsten Formen von Größe.

5. Liebe hängt nicht vom Gewinnen ab

Das ist vielleicht die wichtigste Lektion. Und sie hat am wenigsten mit dem Spiel zu tun.

Ein Kind, das verliert, wird trotzdem in den Arm genommen.

Es bekommt trotzdem seinen Gutenachtkuss.

Es gehört trotzdem dazu.

Gerade Kinder, die sich viel unter Druck setzen, brauchen diese Erfahrung.

„Ich bin nicht weniger wert, wenn ich verliere.“

Kinder hören sehr genau, ob wir nach einem Spiel nur nach dem Ergebnis fragen.

Oder danach, ob es Spaß gemacht hat.

Diesen Satz lernen Kinder nicht durch Erklärungen.

Sie lernen ihn, wenn die Menschen um sie herum ihn vorleben.

Ein Kind, das auch als Verlierer geliebt wird, kann später mutiger gewinnen.

Spieleabend in der Familie: Warum Verlieren so schwerfällt

Für Kinder ist ein Spiel selten nur ein Spiel.

Es geht um Können.

Um Anerkennung.

Um den Platz in der Familie.

Gerade jüngere Kinder können ihre Gefühle noch nicht gut steuern. Wut, Scham und Traurigkeit kommen oft gleichzeitig.

Dazu kommt: Viele Kinder vergleichen sich mit älteren Geschwistern oder mit Erwachsenen.

„Ich verliere immer!“

Auch wenn das nicht stimmt, fühlt es sich für sie so an.

Ein Wutausbruch beim Verlieren ist kein schlechtes Benehmen. Oft ist er ein Gefühl, das noch keinen anderen Weg kennt.

Was du sagen kannst, wenn dein Kind verliert

Statt „Jetzt stell dich nicht so an“ hilft oft ein ruhiger Satz.

„Verlieren ist doof. Das finde ich auch.“

„Du darfst wütend sein. Aber das Spielbrett bleibt auf dem Tisch.“

„Willst du kurz Pause machen und dann wiederkommen?“

„Beim nächsten Mal kann es ganz anders ausgehen.“

Und wenn du selbst verlierst?

Dann zeig ruhig, wie es geht.

„Schade, ich hätte so gern gewonnen. Aber das war ein tolles Spiel.“

Kinder schauen sehr genau hin, wie Erwachsene mit Niederlagen umgehen. Denn Kinder lernen durch unser Verhalten, nicht durch unsere Belehrungen.

Soll man Kinder absichtlich gewinnen lassen?

Diese Frage stellen sich viele Eltern.

Eine Regel für alle Familien gibt es nicht.

Bei sehr kleinen Kindern kann es helfen, Spiele zu wählen, bei denen vor allem das Glück entscheidet. Oder gemeinsame Spiele, bei denen alle zusammen gegen das Spiel antreten.

Ältere Kinder merken dagegen oft, wenn Erwachsene sie absichtlich gewinnen lassen.

Und ein Sieg, der geschenkt wurde, fühlt sich nicht wirklich wie ein Sieg an.

Wichtiger als jedes Ergebnis ist die Stimmung am Tisch.

Wenn Geschwister gegeneinander spielen

Besonders schwer ist Verlieren, wenn das ältere Geschwisterkind fast immer gewinnt.

Für die Jüngeren fühlt sich das schnell ungerecht an.

Für die Älteren wird jeder Sieg selbstverständlich.

Viele Familien finden dafür eigene kleine Regeln.

Das jüngste Kind darf anfangen.

Ein Erwachsener spielt mit dem Kleinsten im Team.

Oder es gibt Abende mit Spielen, bei denen alle gemeinsam gewinnen oder verlieren.

So bleibt der Spieleabend ein Ort für alle.

Und nicht nur für den, der am besten würfelt.

Was wirklich bleibt

In ein paar Jahren wird sich dein Kind kaum daran erinnern, wer welches Spiel gewonnen hat.

Aber es wird sich an das Gefühl erinnern.

An das Lachen.

An die Kekse.

An die Hand auf der Schulter, als es geweint hat.

An die Stimme, die gesagt hat: „Noch eine Runde?“

Und vielleicht an den Abend, an dem es zum ersten Mal selbst gesagt hat: „Gut gemacht.“

Ein Spieleabend ist mehr als ein Spiel. Er ist ein Ort, an dem Kinder lernen, dass man verlieren kann und trotzdem geliebt wird.

Quellen

  • Jesper Juul: „Dein kompetentes Kind“ – Über Beziehung, Gleichwürdigkeit und Verantwortung in der Familie.
  • Philippa Perry: „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen“ (Ullstein) – Über Gefühle, Bindung und den Umgang mit Kindern im Alltag.