Kinder lernen von Eltern – oft ganz ohne Worte
Manchmal braucht es keine Worte, um eine tiefe Lektion zu hinterlassen. Kinder beobachten, wie wir mit Stress umgehen, wie wir Freude ausdrücken, wie wir andere behandeln – und übernehmen unbewusst unsere Muster. Sie spüren unsere Ängste, unsere Sorgen, aber auch unsere Liebe und Fürsorge, lange bevor sie diese in Worte fassen können.
Unser Verhalten, unsere Reaktionen und sogar unsere unausgesprochenen Emotionen prägen ihre Sicht auf die Welt. Sie lernen durch unsere Gesten, unsere Blicke und unser Handeln, was es bedeutet, mit Herausforderungen umzugehen, Vertrauen zu schenken oder Grenzen zu setzen.
Oft merken wir gar nicht, wie viel sie von uns mitnehmen – bis wir uns eines Tages in ihren kleinen Gesten wiedererkennen. Deshalb ist es so wichtig, ihnen nicht nur mit Worten, sondern vor allem mit unserem eigenen Verhalten vorzuleben, was wir ihnen mitgeben möchten: Liebe, Respekt, Achtsamkeit und emotionale Stärke.
Wie Kinder Emotionen von ihren Eltern übernehmen?
Kinder sind von Natur aus feinfühlig und nehmen Emotionen intuitiv wahr. Bereits als Babys reagieren sie auf den Tonfall der Stimme, auf Mimik und Körpersprache.
Noch bevor sie selbst sprechen können, beginnen sie, die emotionalen Muster ihrer Eltern unbewusst zu übernehmen.
Aus psychologischer Sicht ist dieses Phänomen eng mit der Entwicklung der sogenannten sozialen Spiegelneuronen verbunden – Nervenzellen, die es ermöglichen, Gefühle und Stimmungen anderer intuitiv nachzuempfinden.
Elterliche Emotionen formen die emotionale Welt des Kindes
Wenn ein Elternteil häufig ängstlich, gestresst oder gereizt ist, spürt das Kind diese Anspannung und übernimmt sie als „normale“ Reaktion auf die Umwelt.
Ebenso prägt eine ruhige, liebevolle und selbstsichere Grundhaltung das emotionale Erleben des Kindes positiv.
Ein Beispiel:
Ein Vater, der nach einem langen Arbeitstag ständig gereizt auf kleine Missgeschicke reagiert, vermittelt seinem Kind, dass Frustration mit Wut beantwortet wird. Das Kind lernt, dass es „gefährlich“ sein könnte, Fehler zu machen, und entwickelt möglicherweise eine übermäßige Angst vor Misserfolgen.
Umgekehrt kann eine Mutter, die bewusst tief durchatmet, sich kurz sammelt und dann ruhig mit Herausforderungen umgeht, dem Kind zeigen: Emotionen sind kontrollierbar, und es gibt gesunde Wege, mit Stress umzugehen.
Wie emotionale Muster weitergegeben werden
Psychologen sprechen oft von „transgenerationaler Weitergabe von Emotionen“. Das bedeutet, dass ungelöste emotionale Themen von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden können.
Eltern, die in ihrer eigenen Kindheit wenig emotionale Zuwendung erfahren haben, neigen möglicherweise dazu, ihren eigenen Kindern ebenfalls wenig emotionale Sicherheit zu bieten – nicht aus böser Absicht, sondern weil sie es selbst nie gelernt haben.
Ein Beispiel:
Eine Mutter, die in ihrer Kindheit oft für ihre Gefühle kritisiert wurde („Hör auf zu weinen, das ist doch nichts Schlimmes!“), könnte unbewusst dasselbe zu ihrem eigenen Kind sagen. Das Kind lernt dadurch, seine Gefühle zu unterdrücken, anstatt sie gesund zu verarbeiten.
Der Weg zu einer gesunden emotionalen Entwicklung
Die gute Nachricht: Eltern können bewusst an ihren eigenen emotionalen Mustern arbeiten und ihren Kindern dadurch gesunde Strategien vorleben.
Offen über Gefühle sprechen, Emotionen benennen („Ich merke, dass du traurig bist – magst du darüber reden?“) und selbst Vorbild für einen gesunden Umgang mit Stress sein, hilft dem Kind, eigene Emotionen zu verstehen und regulieren zu lernen.
Kinder lernen Emotionen nicht durch Erklärungen – sie lernen sie durch Erleben. Eltern, die sich ihrer eigenen Gefühle bewusst sind und konstruktiv mit ihnen umgehen, geben ihren Kindern das wertvollste Geschenk mit: die Fähigkeit, Emotionen zu verstehen, anzunehmen und gesund auszudrücken.
Vorbild sein: Warum unser Verhalten wichtiger ist als unsere Worte
Kinder lernen nicht durch Worte, sondern durch Beobachtung.
Sie nehmen nicht nur wahr, was wir sagen, sondern vor allem, wie wir uns verhalten – in Stresssituationen, im Umgang mit anderen und in der Art, wie wir auf unsere eigenen Gefühle reagieren.
In der Psychologie spricht man von Modelllernen oder Lernen am Modell, ein Konzept, das der berühmte Psychologe Albert Bandura erforscht hat.
Es besagt, dass Kinder durch Nachahmung und Beobachtung lernen, nicht durch direkte Anweisungen oder Erklärungen.
Warum Verhalten stärker wirkt als Worte
Eltern können ihrem Kind erklären, dass Ehrlichkeit wichtig ist – doch wenn sie selbst kleine Notlügen erzählen („Sag einfach, ich bin nicht zu Hause“), lernt das Kind, dass Worte und Handlungen nicht übereinstimmen.
Die unbewusste Botschaft: Es ist okay, die Wahrheit zu verdrehen, wenn es praktisch erscheint.
Ebenso können Eltern ihrem Kind sagen, dass man Konflikte ruhig lösen sollte, doch wenn es sieht, dass Streit in der Familie mit Schreien oder Ignorieren endet, wird es diese Muster übernehmen. Kinder orientieren sich an dem, was sie erleben, nicht an dem, was ihnen gesagt wird.
Die emotionale Entwicklung durch Vorbilder
Besonders im Umgang mit Emotionen lernen Kinder von ihren Eltern. Ein Kind, dessen Eltern offen über ihre Gefühle sprechen („Ich bin gerade wütend, aber ich atme tief durch, um mich zu beruhigen“), bekommt ein gesundes Modell für den Umgang mit Emotionen.
Hingegen kann ein Kind, dessen Eltern ihre Gefühle unterdrücken oder durch aggressive Reaktionen äußern, Schwierigkeiten bekommen, eigene Emotionen zu verstehen und zu regulieren. Dies kann später zu Problemen in Beziehungen oder mit dem eigenen Selbstwertgefühl führen.
Bewusstes Elternsein: Wie wir unseren Kindern die richtigen Werte mitgeben
Wenn wir wollen, dass unser Kind Verantwortung übernimmt, sollten wir selbst zu unseren Fehlern stehen.
Wenn wir möchten, dass es empathisch ist, müssen wir ihm Mitgefühl vorleben – in der Familie, im Umgang mit anderen und in stressigen Momenten.
Bewusstes Elternsein bedeutet, sich dieser stillen Botschaften bewusst zu sein. Es bedeutet, innezuhalten und zu überlegen: Welche Werte lebe ich meinem Kind wirklich vor? Denn letztendlich prägt nicht das, was wir sagen, sondern das, was wir tun.