Ein Vater kann anwesend sein – und seinem Kind trotzdem fehlen
Kennen Sie diese Väter? Sie sind eigentlich ziemlich oft zu Hause. Sie bringen die Kinder zum Training, fahren sie zur Schule oder holen sie von einer Aktivität ab. Wenn man von außen auf die Familie schaut, würde wahrscheinlich niemand behaupten, dieser Vater sei nicht anwesend. Er lebt schließlich mit seinen Kindern unter einem Dach und verbringt sogar einen großen Teil seiner Freizeit zu Hause.
Und trotzdem wirkt er dort manchmal fast wie ein weiteres Möbelstück im Wohnzimmer. Er sitzt auf dem Sofa, schaut fern, scrollt durch sein Handy oder spielt am Computer ein Spiel, das ursprünglich vielleicht sogar für das eigene Kind gekauft wurde – inzwischen aber mindestens genauso häufig vom Vater selbst benutzt wird.
Er ist da, aber er nimmt kaum wirklich am Familienleben teil.
Es sind jene Väter, bei denen manchmal der Eindruck entsteht, als seien die Kinder hauptsächlich die Kinder ihrer Frau. Sie weiß, wann der nächste Elternabend stattfindet, welches Kind neue Schuhe braucht, wann die Klassenarbeit geschrieben wird, warum die Tochter seit gestern so still ist, welches Geschenk für den Kindergeburtstag noch gekauft werden muss und dass der Sohn am Mittwoch seine Sportsachen mitnehmen muss.
Der Vater weiß vieles davon erst, wenn sie es ihm sagt.
„Du musst sie morgen um fünf abholen.“
„Denk daran, dass er heute Training hat.“
„Kannst du bitte mit ihr für die Arbeit lernen?“
„Du musst morgen zur Schule fahren.“
„Vergiss nicht, dass wir am Freitag den Termin haben.“
Die Mutter wird nicht nur zur Mutter der Kinder. Unbemerkt wird sie auch zur Organisatorin ihres Mannes.
Und irgendwann hat sie das Gefühl, nicht mit einem erwachsenen Partner, sondern mit einem weiteren Menschen zusammenzuleben, dem sie ständig sagen muss, was als Nächstes zu tun ist.
Wenn die Mutter für alle mitdenken muss
Von außen sieht eine solche Familie möglicherweise völlig normal aus. Beide Eltern sind vorhanden, beide leben mit den Kindern zusammen und der Vater übernimmt durchaus Aufgaben.
Das Problem liegt häufig nicht darin, dass er überhaupt nichts tut.
Das Problem ist, dass jemand anderes daran denken muss, dass er etwas tun soll.
Genau darin liegt ein Unterschied, der in Familien enorm viel ausmachen kann.
Ein Kind zum Training zu fahren, nachdem die Partnerin dreimal daran erinnert hat, ist etwas anderes, als selbst zu wissen, wann das Training stattfindet. Ein Geschenk zu kaufen, nachdem die Mutter erklärt hat, was gekauft werden soll, ist etwas anderes, als selbst zu überlegen, worüber sich das eigene Kind freuen könnte.
Die sichtbare Aufgabe wird geteilt. Die Verantwortung dafür bleibt jedoch bei einer Person. Und diese Person ist in vielen Familien die Mutter.
Sie denkt voraus, plant, erinnert, kontrolliert, tröstet, organisiert und versucht gleichzeitig, den Alltag am Laufen zu halten.
Irgendwann wird sie gereizt.
Dann heißt es vielleicht:
„Mama ist immer schlecht gelaunt.“
Doch selten fragt jemand, warum.
Vielleicht ist sie nicht ständig wütend, weil sie grundsätzlich unzufrieden ist. Vielleicht ist sie erschöpft davon, dass sie für mehrere Menschen gleichzeitig denken muss.
Wenn ein Vater selbst noch versorgt werden möchte
Manche Männer werden Väter, ohne innerlich vollständig aus der Rolle des Kindes herausgewachsen zu sein.
Sie übernehmen bestimmte erwachsene Aufgaben, erwarten im Alltag aber weiterhin, dass eine andere Person den Überblick behält.
Früher war es vielleicht die eigene Mutter. Später übernimmt unbewusst die Partnerin diese Position.
Sie erinnert an Termine, sucht verlorene Dinge, plant den Urlaub, organisiert die Kinder, weiß, was eingekauft werden muss, denkt an Geburtstage und bemerkt, wann zu Hause etwas aus dem Gleichgewicht gerät.
Wenn sie irgendwann sagt: „Muss ich denn wirklich an alles denken?“
kommt möglicherweise: „Du hättest mir doch einfach sagen können, was ich machen soll.“
Genau dieser Satz zeigt das eigentliche Problem.
Denn eine Familie zu führen bedeutet nicht, dass eine Person die Aufgaben verteilt und alle anderen auf Anweisungen warten.
Erwachsene Eltern sollten Verantwortung erkennen können, ohne dass jemand sie ihnen jedes Mal zuteilt.
Kinder merken sehr genau, wer wirklich zuständig ist
Kinder benötigen keine Erklärung dafür. Sie beobachten den Alltag.
Wenn etwas in der Schule passiert, rufen sie Mama.
Wenn sie traurig sind, gehen sie zu Mama.
Wenn sie neue Sportsachen brauchen, fragen sie Mama.
Wenn sie nicht wissen, wann der Zahnarzttermin ist, fragen sie Mama.
Wenn sie mit Freunden irgendwohin möchten, fragen sie zuerst Mama.
Papa sitzt vielleicht drei Meter entfernt.
Warum gehen sie trotzdem an ihm vorbei?
Weil Kinder lernen, wer in der Familie tatsächlich Entscheidungen trifft, zuhört, organisiert und reagiert.
Der Vater kann durchaus liebevoll sein. Vielleicht macht er Witze mit ihnen, fährt sie irgendwohin oder spielt gelegentlich mit ihnen.
Aber wenn die eigentliche Verantwortung immer über die Mutter läuft, entsteht unbewusst die Botschaft:
Mama ist zuständig. Papa ist dabei.
Und „dabei sein“ ist nicht dasselbe wie Vatersein.
Anwesenheit ist mehr als im selben Raum zu sitzen
Ein Vater kann jeden Abend zu Hause sein und trotzdem wenig darüber wissen, was im Leben seines Kindes gerade passiert.
Er weiß vielleicht nicht, wer die beste Freundin seiner Tochter ist.
Er merkt nicht, dass sein Sohn seit Wochen keine Lust mehr auf sein Hobby hat.
Er weiß nicht, vor welcher Klassenarbeit das Kind Angst hat.
Er hat nicht bemerkt, dass sich die Freundesgruppe verändert hat.
Nicht weil er sein Kind nicht liebt.
Sondern weil Liebe allein noch keine Beziehung entstehen lässt.
Beziehung braucht Interesse.
Wer immer auf dem Handy ist, während ein Kind erzählt, vermittelt möglicherweise unbeabsichtigt: Das, was auf meinem Bildschirm passiert, ist gerade interessanter als das, was du mir erzählst.
Einmal ist das kein Drama. Wenn es jedoch zum Familienalltag wird, passt sich ein Kind an.
Es erzählt kürzer. Dann seltener. Und irgendwann gar nicht mehr.
„Aber ich habe doch alles für meine Kinder gemacht“
Viele Väter sind später tatsächlich überrascht, wenn ihre erwachsenen Kinder keine enge Beziehung zu ihnen haben.
Sie erinnern sich daran, wie oft sie sie gefahren haben.
Wie viel sie gearbeitet haben.
Was sie gekauft haben.
Dass sie bei Geburtstagen da waren.
Dass sie nie die Familie verlassen haben.
Und all das zählt. Aber Kinder messen Beziehung nicht nur daran, ob ein Elternteil physisch vorhanden war.
Sie erinnern sich auch daran, wer ihre Geschichten kannte.
Wer bemerkte, dass etwas nicht stimmte.
Wer wusste, worüber sie sich freuten.
Wer von selbst fragte.
Wer ihre Freunde kannte.
Wer sich an das erinnerte, was sie vor drei Tagen erzählt hatten.
Ein Vater kann also sehr präsent im Familienalltag und gleichzeitig erstaunlich weit entfernt vom Innenleben seines Kindes sein.
Die Mutter wird zur Vermittlerin zwischen Vater und Kindern
In manchen Familien entsteht noch ein weiteres Muster.
Der Vater fragt seine Frau: „Was ist denn mit ihr los?“
Dabei sitzt die Tochter im nächsten Zimmer.
Die Mutter soll erklären, warum die Tochter traurig ist.
Sie soll dem Sohn sagen, dass Papa etwas nicht gut fand.
Sie soll dem Vater erklären, was die Kinder gerade brauchen.
Sie wird zum Übersetzer zwischen Menschen, die im selben Haus leben.
Dadurch trägt sie nicht nur ihre eigene Beziehung zu den Kindern, sondern teilweise auch die Beziehung des Vaters zu ihnen.
Das kann auf Dauer niemand leisten.
Ein Vater braucht keine Ehefrau als Vermittlerin, um sein eigenes Kind kennenzulernen.
Er kann selbst fragen.
Selbst zuhören.
Selbst einen Konflikt klären.
Selbst merken, wenn etwas nicht stimmt.
Auch Spielen allein macht noch keine aktive Elternschaft
Manchmal ist Papa für die schönen Dinge zuständig.
Computerspiele.
Fußball.
Ausflüge.
Spaß.
Mama dagegen kümmert sich um Hausaufgaben, Arzttermine, Regeln, Schlafenszeiten, Kleidung, Probleme und Konsequenzen.
Dann entsteht schnell eine ungerechte Rollenverteilung.
Papa ist locker.
Mama nervt.
Papa erlaubt.
Mama verbietet.
Papa spielt.
Mama erinnert daran, dass morgen Schule ist.
Und wenn sie schließlich genervt sagt, dass Schluss mit dem Spiel ist, sitzen Vater und Kind beinahe auf derselben Seite und verdrehen gemeinsam die Augen.
Für die Partnerschaft ist das belastend. Für Kinder ist es ebenfalls keine ideale Botschaft.
Denn Vatersein besteht nicht nur darin, der angenehme Erwachsene im Haus zu sein.
Elternschaft bedeutet auch, Verantwortung auszuhalten.
Kinder brauchen einen Vater, nicht den ältesten Spielkameraden im Haus
Natürlich darf ein Vater mit seinen Kindern albern sein, spielen und Spaß haben. Gerade solche Momente können wunderschöne Erinnerungen schaffen.
Aber ein Kind braucht daneben einen Erwachsenen. Einen Menschen, der Verantwortung übernimmt.
Der Grenzen setzen kann.
Der merkt, wann sein Kind ihn braucht.
Der nicht darauf wartet, dass seine Partnerin ihm eine Aufgabenliste schreibt.
Und der sich für die Welt seines Kindes interessiert, auch wenn diese Welt manchmal langweilig, kompliziert oder weit entfernt von seinen eigenen Interessen erscheint.
Ein Kind möchte nicht das Gefühl haben: „Papa ist zwar da, aber wenn wirklich etwas ist, muss ich zu Mama.“
Es geht nicht darum, Väter zu beschuldigen
Nicht jeder passive Vater handelt aus Gleichgültigkeit.
Manche haben nie ein anderes Familienmodell kennengelernt. Manche sind selbst mit einem Vater aufgewachsen, dessen einzige Aufgabe darin bestand, Geld zu verdienen. Andere haben gelernt, dass Kindererziehung hauptsächlich Frauensache sei.
Doch eine Erklärung sollte nicht zur Dauerentschuldigung werden. Erwachsene Menschen können ihre Rolle verändern.
Ein Vater kann anfangen, selbst Termine zu kennen.
Er kann sein Kind fragen, wie es ihm geht, ohne dass die Mutter ihn darauf hinweist.
Er kann das Handy weglegen.
Er kann wissen, welche Schuhgröße sein Kind trägt.
Er kann einen Elternabend besuchen.
Er kann selbst herausfinden, was für die Schule gebraucht wird.
Er kann seine Tochter fragen, warum sie traurig ist, anstatt seine Frau zu fragen:
„Was hat sie denn?“
Und er kann Verantwortung übernehmen, ohne dafür gelobt werden zu müssen, dass er „hilft“. Denn er hilft nicht der Mutter mit ihren Kindern. Es sind auch seine Kinder.
Vielleicht beginnt Vatersein genau dort
Ein Vater muss nicht perfekt sein. Er muss nicht jede Schulveranstaltung besuchen, jedes Problem lösen oder ständig intensive Gespräche führen.
Aber sein Kind sollte spüren:
Papa weiß, dass ich existiere, auch wenn ich gerade nichts von ihm brauche.
Papa interessiert sich für mich, nicht nur für meine Leistungen.
Papa übernimmt Verantwortung, ohne dass Mama ihn dazu auffordern muss.
Papa kennt mich.
Denn irgendwann werden Kinder groß.
Sie brauchen niemanden mehr, der sie zum Training fährt. Sie können ihre Termine selbst organisieren, ihr eigenes Geld verdienen und ihre Probleme allein lösen.
Dann bleibt von der Eltern-Kind-Beziehung vor allem das übrig, was über Jahre aufgebaut wurde.
Und möglicherweise sitzt ein Vater eines Tages wieder auf seinem Sofa und wundert sich, warum sein erwachsenes Kind alles mit der Mutter bespricht und ihm nur oberflächlich erzählt, wie es ihm geht.
Die Antwort liegt manchmal viele Jahre zurück. Er war immer da. Aber das Kind hatte zu selten das Gefühl, dass er wirklich dabei war.
Denn ein Vater kann im selben Haus wohnen, jeden Abend auf demselben Sofa sitzen, seine Kinder überallhin fahren und trotzdem etwas Entscheidendes verpassen: ihre Kindheit nicht nur aus der Nähe zu beobachten, sondern tatsächlich an ihr teilzunehmen.
Quellen
- Lindsay C. Gibson – Adult Children of Emotionally Immature Parents
Das Buch beschäftigt sich mit emotional unreifen und emotional wenig erreichbaren Eltern und damit, wie sich solche Beziehungsmuster auf Kinder bis ins Erwachsenenalter auswirken. - Brenda L. Volling & Natasha J. Cabrera – Loving, Laughing, and Learning: How Father–Child Relationships Contribute to Children’s Development in Early Childhood
Die Autorinnen zeigen, dass nicht allein die körperliche Anwesenheit eines Vaters entscheidend ist. Von Bedeutung sind vor allem die Qualität der Vater-Kind-Beziehung, emotionale Wärme, Feinfühligkeit und aktive Beteiligung am Leben des Kindes. - Sarkadi, Kristiansson, Oberklaid & Bremberg – Fathers‘ Involvement and Children’s Developmental Outcomes: A Systematic Review of Longitudinal Studies
Die Übersichtsarbeit untersucht den Zusammenhang zwischen väterlicher Beteiligung und verschiedenen Entwicklungsbereichen von Kindern.




