Emotional kalte Familie: Wenn niemand über Gefühle spricht

Emotional kalte Familie Wenn niemand über Gefühle spricht

Eine emotional kalte Familie erkennt man nicht unbedingt daran, dass dort nicht geliebt wird. Man erkennt sie oft daran, wie mit Gefühlen umgegangen wird, sobald sie auftauchen.

Das beginnt häufig viel früher, als wir denken.


Ein kleines Kind rennt über den Hof, stolpert und fällt hin. Es erschrickt, das Knie tut weh und sofort kommen die Tränen. Vielleicht weint es laut und sucht mit den Augen nach Mama oder Papa.

Der Erwachsene kommt, zieht das Kind hoch, klopft die Hose ab und sagt: „Komm, dir ist doch nichts passiert.“

Dann vielleicht noch:

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht so rennen.“

„Du musst besser aufpassen.“

„Jetzt hör auf zu weinen.“


Für den Erwachsenen ist die Sache damit erledigt. Das Knie ist nicht ernsthaft verletzt, also gibt es keinen Grund für dieses große Weinen.

Für das Kind ist jedoch gerade etwas anderes passiert.

Es hatte Schmerzen. Es hatte sich erschrocken. Es suchte Trost – und bekam stattdessen die Botschaft, dass sein Gefühl übertrieben ist. Zusätzlich kommt vielleicht noch Schuld hinzu: Du bist selbst schuld, dass es weh tut.

Das Kind lernt dadurch nicht, mit seinem Gefühl umzugehen. Es lernt vor allem, es möglichst schnell wegzumachen.


Dabei hätte es nur wenige andere Worte gebraucht

Ein Elternteil müsste aus einem kleinen Sturz kein Drama machen. Es braucht auch keine halbe Stunde über jedes aufgeschlagene Knie zu sprechen.

Aber es könnte sich kurz zum Kind herunterbeugen:

„Oh, du bist gefallen. Das hat bestimmt wehgetan.“

„Zeig mal, wo es weh tut.“

„Hast du dich mehr erschrocken oder tut dein Knie sehr weh?“

Vielleicht nimmt man das Kind kurz in den Arm, schaut nach der Verletzung und wartet, bis es sich beruhigt.

Und erst danach: „Komm, jetzt geht es wieder. Beim nächsten Mal passen wir an dieser Stelle ein bisschen besser auf.“

Das Kind lernt dadurch zwei Dinge gleichzeitig: Mein Gefühl wird ernst genommen – und ich kann aus der Situation etwas lernen.

Genau das ist emotionale Begleitung. Es geht nicht darum, jedes unangenehme Gefühl eines Kindes zu verhindern. Es geht darum, ihm beizubringen, dass Gefühle kommen, verstanden werden können und wieder vorübergehen.

Doch viele Eltern haben genau das selbst nie erlebt

Warum sagen so viele Erwachsene automatisch: „Hör auf zu weinen“?

Oft, weil man es ihnen genauso gesagt hat.

Vielleicht fiel die heutige Mutter vor dreißig Jahren selbst hin und ihre Mutter sagte: „Steh auf. Du bist doch ein großes Mädchen.“

Vielleicht weinte der heutige Vater als Junge und hörte: „Männer weinen nicht.“

Wenn er Angst hatte, sollte er sich zusammenreißen. Wenn sie traurig war, sollte sie nicht so empfindlich sein.

Diese Kinder wurden erwachsen. Aber erwachsen zu werden bedeutet nicht automatisch, dass man gelernt hat, mit Gefühlen umzugehen.

Manche Menschen haben gelernt, zu arbeiten, Probleme zu lösen, Verantwortung zu tragen und Krisen zu überstehen – aber niemand hat ihnen beigebracht, bei einem traurigen Menschen zu bleiben und zu sagen:

„Erzähl mir, was dich gerade so verletzt.“

Dann bekommen sie selbst Kinder und greifen unbewusst auf das zurück, was ihnen vertraut ist. So wird nicht nur eine bestimmte Art zu erziehen weitergegeben. Es wird eine emotionale Sprache – oder ihr Fehlen – von Generation zu Generation weitergegeben.

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Aus dem aufgeschlagenen Knie wird irgendwann eine schlechte Schulnote

Das Kind wird größer. Jetzt kommt es mit einer schlechten Note nach Hause.

Vielleicht ist es selbst schon enttäuscht. Es hat Angst, den Eltern die Arbeit zu zeigen. Und dann hört es:

„Was ist denn das?“

„Du lernst einfach nicht genug.“

„Warum hat deine Freundin eine Zwei und du eine Vier?“

„Wenn du so weitermachst, wird aus dir nichts.“

Vielleicht wird geschimpft, verglichen oder beschämt.

Wieder passiert etwas Ähnliches wie damals beim aufgeschlagenen Knie.

Das eigentliche Gefühl des Kindes bekommt keinen Platz.

Niemand fragt:

„Bist du selbst enttäuscht?“

„Was war schwierig?“

„Hast du den Stoff nicht verstanden?“

„Hattest du Angst während der Arbeit?“

Das bedeutet nicht, dass Eltern schlechte Noten einfach hinnehmen und nichts sagen sollten.

Natürlich darf man über Lernen, Verantwortung und Konsequenzen sprechen.

Aber zuerst könnte ein Kind erfahren: Eine schlechte Note macht mich nicht zu einem schlechten Kind.

Danach kann gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden.

Irgendwann erzählt das Kind die schlechte Note nicht mehr

Und hier beginnt etwas, das Eltern Jahre später häufig nicht verstehen. Das Kind lernt nicht unbedingt besser, mit seinen Problemen umzugehen.

Es lernt vielmehr, welche Probleme es besser nicht erzählt. Die nächste schlechte Note bleibt in der Schultasche.

Den Streit mit einer Freundin erzählt es nicht.

Dass andere Kinder es ausgelacht haben, behält es für sich.

Die erste Liebesenttäuschung wird im eigenen Zimmer ausgeweint.

Die Angst vor einer Prüfung wird versteckt.

Mit jedem Jahr wird das Kind besser darin, nach außen zu funktionieren und innerlich Dinge allein zu verarbeiten.

Und irgendwann fragen die Eltern erstaunt: „Warum erzählst du uns eigentlich nichts mehr?“

Vielleicht würde das Kind selbst die Antwort gar nicht formulieren können. Aber innerlich hat es längst gelernt:

Wenn ich etwas erzähle, bekomme ich nicht unbedingt Trost. Vielleicht bekomme ich Kritik, Schuld oder einen Vortrag. Also behalte ich es lieber für mich.

So entsteht emotionale Kälte

Emotionale Kälte entsteht nicht nur durch fehlende Umarmungen oder dadurch, dass Eltern niemals „Ich liebe dich“ sagen.

Sie kann auch dort entstehen, wo Gefühle immer sofort bewertet werden.

Traurigkeit ist Schwäche.

Angst ist unnötig.

Wut ist Ungezogenheit.

Enttäuschung ist Undankbarkeit.

Weinen ist Übertreibung.

Und irgendwann versucht das Kind, möglichst wenig davon zu zeigen.

Es wird vielleicht sogar für seine „Reife“ gelobt.

„Mit dir hatten wir nie Probleme.“

„Du warst schon immer so vernünftig.“

„Du hast alles mit dir selbst ausgemacht.“

Was für Erwachsene angenehm klingt, kann manchmal etwas ganz anderes bedeuten:

Dieses Kind hatte früh gelernt, niemanden mehr mit seiner inneren Welt zu belasten.

Dann kommt die Pubertät – und die Gefühle werden größer

Nun reichen die Themen weit über ein aufgeschlagenes Knie oder eine schlechte Note hinaus.

Der Jugendliche verliebt sich.

Wird zurückgewiesen.

Streitet mit Freunden.

Fühlt sich nicht schön genug.

Hat Angst vor der Zukunft.

Vielleicht fühlt er sich manchmal einsam, obwohl das Haus voller Menschen ist.

Aber wie soll ein Jugendlicher plötzlich über Gefühle sprechen, wenn diese Sprache in der Familie nie gesprochen wurde?

Also kommt auf die Frage:

„Was ist los?“

nur:

„Nichts.“

Die Tür geht zu.

Die Eltern denken:

„Pubertät.“

Vielleicht steckt dahinter aber auch ein junger Mensch, der schlicht nicht gelernt hat, wie man sagt:

„Ich bin verletzt und brauche gerade jemanden.“

Und dann wird dieses Kind erwachsen

Das Interessante ist: Mit dem achtzehnten Geburtstag verschwinden solche Muster nicht.

Vielleicht sitzt dieser Mensch zwanzig Jahre später nach einem Streit mit seinem Partner auf dem Sofa.

Das Gespräch ist längst vorbei.

Aber innerlich arbeitet alles weiter.

Er denkt über jeden Satz nach.

Er schläft schlecht.

Er fühlt sich erschöpft.

Vielleicht beschäftigt ihn der Streit noch mehrere Tage.

Und trotzdem sagt er nicht: „Das hat mich sehr verletzt.“

Stattdessen sagt er: „Ist schon gut.“

Genau diesen Satz kennt er.

Vielleicht zieht er sich zurück.

Vielleicht schweigt er.

Vielleicht versucht er, das Gefühl zu ignorieren.

Oder er hält monatelang alles zurück und explodiert irgendwann wegen einer Kleinigkeit. Denn unterdrückte Gefühle sind nicht automatisch verarbeitete Gefühle. Nur weil man nicht darüber spricht, bedeutet das nicht, dass sie verschwunden sind.

Manche Menschen tragen jahrelang Gefühle, für die sie nie Worte gefunden haben

Vielleicht spürt jemand ständig eine innere Anspannung und weiß nicht, woher sie kommt.

Vielleicht kann er hervorragend für andere da sein, aber kaum sagen, was er selbst braucht.

Vielleicht entschuldigt er sich sogar fürs Weinen „Tut mir leid.“

Warum entschuldigt sich ein Mensch für Tränen?

Vielleicht weil irgendwann tief in ihm die Vorstellung entstanden ist, dass seine Gefühle anderen unangenehm sind.

Andere Menschen reagieren auf Kritik sofort mit Verteidigung.

Noch bevor der Partner seinen Satz beendet hat, erklären sie: „Das stimmt doch überhaupt nicht!“

Denn Kritik fühlt sich nicht nur wie Kritik an.

Sie kann alte Scham berühren.

Wieder dieses Gefühl: Mit mir stimmt etwas nicht.

Und manchmal gibt man genau das weiter, was man selbst gehasst hat

Dann bekommt dieser Erwachsene eigene Kinder. Das Kind fällt. Es weint. Und plötzlich hört man sich selbst sagen: „Ach komm, dir ist doch nichts passiert.“

Vielleicht erschrickt man sogar über den eigenen Satz. Denn für einen kurzen Moment hört man nicht sich selbst. Man hört die eigene Mutter. Oder den eigenen Vater.

Später bringt das Kind eine schlechte Note. Und automatisch kommt: „Warum hast du nicht mehr gelernt?“

Genau hier zeigt sich, wie stark familiäre Muster sein können.

Wir wiederholen nicht immer bewusst das, was unsere Eltern getan haben.

Manchmal wiederholen wir es, weil unser Gehirn in stressigen Situationen auf das zurückgreift, was es am besten kennt. Aber genau hier liegt auch die Möglichkeit zur Veränderung.

Man kann mitten in einer Familiengeschichte etwas Neues lernen

Vielleicht haben deine Eltern nie gelernt, deine Gefühle zu begleiten. Vielleicht haben auch ihre Eltern es nicht gekonnt.

Aber du kannst beginnen, es anders zu machen. Wenn dein Kind fällt, musst du nicht sofort sagen: „Nichts passiert.“

Du kannst sagen: „Komm her. Du hast dich erschrocken. Zeig mal, wo es weh tut.“

Wenn es eine schlechte Note bekommt: „Ich sehe, dass du enttäuscht bist. Lass uns erst einmal anschauen, was schwierig war. Danach überlegen wir, was wir verändern können.“

Wenn es wütend ist: „Du darfst wütend sein. Aber du darfst mich nicht schlagen.“

Das ist ein wichtiger Unterschied. Gefühle dürfen da sein. Nicht jedes Verhalten darf da sein.

Ein Kind kann lernen, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen, ohne sich für seine Gefühle schämen zu müssen.

Und vielleicht musst du das heute auch für dich selbst lernen

Wenn du selbst aus einer emotional kalten Familie kommst, kannst du dir heute dieselben Fragen stellen, die dir früher vielleicht niemand gestellt hat:

Was fühle ich gerade?

Nicht: Was sollte ich fühlen?

Nicht: Ist mein Gefühl berechtigt?

Sondern einfach: Was ist da?

Bin ich traurig?

Enttäuscht?

Wütend?

Einsam?

Beschämt?

Ängstlich?

Und dann:

Was brauche ich gerade?

Vielleicht ein Gespräch.

Vielleicht Ruhe.

Vielleicht Trost.

Vielleicht Abstand.

Vielleicht eine Grenze.

Vielleicht nur jemanden, der zuhört.

Am Anfang kann das ungewohnt sein. Denn du lernst gewissermaßen eine Sprache, die in deinem Elternhaus kaum gesprochen wurde.

Es geht nicht darum, den Eltern für alles die Schuld zu geben

Vielleicht haben deine Eltern dich geliebt. Vielleicht haben sie hart gearbeitet und vieles für dich getan.

Vielleicht würden sie heute sogar sagen: „Wir wollten doch nur, dass du stark wirst.“

Und wahrscheinlich haben manche von ihnen tatsächlich geglaubt, dass sie ihr Kind „abhärten“ müssen, damit es später im Leben zurechtkommt. Du darfst das verstehen.

Aber du darfst gleichzeitig erkennen, dass Stärke nicht dadurch entstehen muss, dass ein Kind seine Gefühle wegdrückt.

Wahre emotionale Stärke kann auch bedeuten: Ich weiß, was ich fühle. Ich kann darüber sprechen. Ich kann ein unangenehmes Gefühl aushalten. Ich kann mich beruhigen. Ich kann um Hilfe bitten. Und ich kann danach weitermachen.

Vielleicht ist das eine viel tiefere Form von Stärke.

Eine emotional kalte Familie entsteht nicht an einem einzigen großen Ereignis. Sie entsteht oft in tausend kleinen Momenten.

Beim aufgeschlagenen Knie.

Bei der schlechten Note.

Beim ersten Liebeskummer.

Nach einem Streit.

Bei Tränen, die zu schnell beendet werden.

Bei Fragen, die niemals gestellt werden.

Und genauso kann Veränderung in kleinen Momenten beginnen. Wenn ein Kind weint und diesmal niemand sagt: „Hör auf.“

Sondern: „Komm her.“

Wenn jemand nach einem Streit nicht tagelang schweigt, sondern zurückkommt und sagt: „Das gestern hat mich verletzt. Können wir darüber reden?“

Wenn ein Vater seinem Sohn erlaubt zu weinen.

Wenn eine Mutter ihrer Tochter zuhört, ohne sofort zu urteilen.

Vielleicht kann man die eigene Kindheit nicht mehr verändern.

Aber man kann verhindern, dass das Schweigen immer weitergegeben wird. Und vielleicht beginnt Heilung genau dort, wo jemand zum ersten Mal in einer Familie sagt: „Bei uns darf man über das sprechen, was weh tut. Du musst deine Gefühle nicht mehr allein tragen.“

Quellen

  • Sebastian Bröder: Du verstehst mich nicht! Wie Kinder lernen, mit Gefühlen umzugehen. Verlag Herder.
    Das Buch beschäftigt sich damit, wie Kinder ihre eigenen Gefühle und die Gefühle anderer verstehen lernen und welche Rolle Eltern dabei spielen.
  • Dörte Weltzien, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Maike Rönnau-Böse & Michael Wünsche: Gefühl und Mitgefühl von Kindern begleiten und fördern. Verlag Herder.
    Eine fachlich fundierte Grundlage zur emotionalen Entwicklung von Kindern, zur Emotionsregulation und zur feinfühligen Begleitung kindlicher Gefühle.
  • Fabian Grolimund & Stefanie Rietzler: Ich liebe dich, so wie du bist. Die Gefühle unserer Kinder verstehen, annehmen und liebevoll begleiten. Verlag Herder, 2023.
    Die Autoren zeigen, wie Eltern mit Angst, Wut, Scham und Traurigkeit ihrer Kinder umgehen können und warum Kinder erfahren sollten, dass sie sich auch mit schwierigen Gefühlen zeigen dürfen.