Die trinkende Mutter und das Kind in einer unsicheren Welt

Die trinkende Mutter und das Kind in einer unsicheren Welt

Ich erinnere mich nicht an viele schöne Kindheitstage. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind schon an der Haustür versucht habe herauszufinden, in welcher Stimmung meine Mutter heute ist.

Manchmal hörte ich ihre Stimme und wusste sofort, ob ich leise in mein Zimmer gehen sollte oder ob ich sie umarmen durfte.


An manchen Tagen roch die Wohnung nach Essen.

An anderen nach Alkohol.

Und mit diesem Geruch veränderte sich alles. Ich wusste nie, welche Mutter mich erwartete. Die liebevolle, die lachte und versprach, dass morgen alles besser wird.

Oder die Mutter, die mich kaum ansah, gereizt war oder Dinge sagte, die sie am nächsten Tag längst vergessen hatte. Als Kind versteht man nicht, was Sucht ist. Man versteht nur, dass sich Zuhause nicht wie Zuhause anfühlt.


 Ich wurde viel zu früh erwachsen

Andere Kinder machten sich Gedanken darüber, mit wem sie nachmittags spielen wollten. Ich machte mir Gedanken darüber, ob meine Mutter heute wieder trinken würde.

Ob genügend Essen im Kühlschrank war.


Ob ich meine kleinen Geschwister beschäftigen musste.

Ob heute Streit entstehen würde.

Niemand hat mir gesagt, dass ich Verantwortung übernehmen muss. Es passierte einfach.

Tag für Tag. Irgendwann wurde es selbstverständlich.

Ich dachte lange, ich wäre schuld

Kinder suchen den Fehler fast immer bei sich selbst. Auch ich tat das.

Ich dachte, ich müsste nur braver sein.

Bessere Noten schreiben.

Weniger widersprechen.

Mehr helfen.

Vielleicht würde meine Mutter dann wieder die Frau sein, die sie früher einmal war.

Heute weiß ich, dass kein Kind die Sucht eines Elternteils verursacht. Aber als Kind glaubt man das. Weil diese Erklärung leichter zu ertragen ist als die Wahrheit.

Ich wusste nie, was mich erwartet

Das Schwerste war nicht einmal der Alkohol. Es war die Unberechenbarkeit. Manchmal war meine Mutter liebevoll.

Sie umarmte mich.

Sie lachte mit mir.

Und ich dachte: Jetzt wird alles gut.

Doch am nächsten Tag war wieder alles anders. Genau dieses ständige Wechseln machte mich müde.

Ich konnte mich nie entspannen. Mein Körper war ständig bereit, auf das nächste Problem zu reagieren.

Nach außen sah alles normal aus

Von außen hätte wahrscheinlich niemand etwas bemerkt.

Wir gingen zur Schule.

Wir lächelten.

Wir sagten, dass alles gut sei.

Doch Kinder lernen sehr früh, Familiengeheimnisse zu bewahren. Niemand sollte erfahren, was hinter der Wohnungstür passiert.

Nicht weil wir lügen wollte. Sondern weil wir Angst hatten. Vor den Reaktionen. Vor Scham. Vor dem Urteil anderer.

Die Trinkende Mutter Und Das Kind In Einer Unsicheren Welt(1)

Die Angst blieb auch als Erwachsene

Heute bin ich erwachsen. Und trotzdem erschrecke ich manchmal noch, wenn jemand seine Stimme erhebt.

Ich entschuldige mich oft, obwohl ich nichts falsch gemacht habe.

Ich übernehme Verantwortung für Dinge, die gar nicht meine sind.

Erst später habe ich verstanden, dass viele dieser Verhaltensweisen in meiner Kindheit entstanden sind. Ich hatte gelernt, ständig auf andere zu achten. Mich selbst hatte ich dabei vergessen.

Ich vermisste nicht nur meine Mutter

Viele glauben, Kinder alkoholkranker Eltern vermissen einfach eine nüchterne Mutter. Doch es geht um viel mehr.

Man vermisst Geborgenheit.

Verlässlichkeit.

Einen Ort, an dem man sich fallen lassen kann.

Jemanden, der fragt: „Wie geht es dir?“ Nicht, weil er muss. Sondern weil er es wirklich wissen möchte.

Heilung begann mit einer Erkenntnis

Der wichtigste Satz, den ich irgendwann hörte, lautete: „Du warst nie verantwortlich.“ Am Anfang konnte ich ihn kaum glauben. Doch mit der Zeit verstand ich, was er bedeutet.

Ich konnte meine Mutter lieben und gleichzeitig akzeptieren, dass ihre Sucht mein Leben geprägt hat. Beides durfte nebeneinander existieren.

Heute wünsche ich mir etwas anderes

Ich wünsche meiner Mutter keinen Vorwurf. ich wünsche ihr Frieden.

Und ich wünsche jedem Kind, das heute in einem Zuhause mit Alkohol aufwächst, einen Erwachsenen, der hinsieht. Jemanden, der sagt:

„Ich sehe dich.“

„Du bist nicht allein.“

„Du musst das nicht tragen.“

Denn kein Kind sollte seine Kindheit damit verbringen, die Verantwortung für einen Erwachsenen zu übernehmen.

Wenn eine Mutter trinkt, verliert nicht nur sie selbst ein Stück ihres Lebens. Oft verliert auch ihr Kind das Gefühl von Sicherheit, Leichtigkeit und unbeschwerter Kindheit.

Doch aus diesem verletzten Kind kann ein starker Erwachsener werden. Nicht, weil die Vergangenheit nie wehgetan hat, sondern weil er irgendwann erkennt, dass er die Last von damals nicht länger tragen muss. Man darf seine Geschichte mit sich tragen – aber sie muss nicht länger das eigene Leben bestimmen.