Selbstwert bei Kindern: 5 Dinge, die Kinder stärker machen als Lob
Jedes Kind möchte von seinen Eltern gesehen, geliebt und anerkannt werden. Es freut sich, wenn Mama stolz auf seine Zeichnung ist, Papa seine Fortschritte bemerkt oder die Großeltern ihm sagen, wie toll es etwas gemacht hat.
Doch was braucht ein Kind wirklich, um später ein selbstbewusster Erwachsener zu werden? Reicht es, ihm häufig zu sagen, wie klug, schön oder talentiert es ist?
Nicht unbedingt.
Ein Kind kann jeden Tag gelobt werden und trotzdem große Angst davor haben, Fehler zu machen. Es kann gute Noten schreiben und dennoch glauben, niemals gut genug zu sein. Und es kann nach außen selbstbewusst wirken, während es innerlich ständig die Bestätigung anderer sucht.
Denn Selbstwert entsteht nicht dadurch, dass Kinder immer wieder hören, wie gut sie sind. Er wächst, wenn sie im Alltag erleben, dass sie als Menschen wichtig sind.
Dabei spielen fünf Erfahrungen eine besonders große Rolle.
1. Eltern, die ihre Kinder auch an schlechten Tagen liebevoll behandeln
Ein Kind ist nicht jeden Tag freundlich, gehorsam und gut gelaunt.
Manchmal ist es wütend, widerspricht, weint wegen einer Kleinigkeit oder macht etwas kaputt. Manchmal bringt es eine schlechte Note nach Hause oder verhält sich völlig anders, als seine Eltern es erwarten.
Gerade in diesen Momenten zeigt sich, wie sicher sich ein Kind in seiner Familie fühlen kann.
Wenn Eltern nur dann besonders liebevoll sind, wenn ihr Kind alles richtig macht, kann es beginnen, Zuwendung mit Leistung und gutem Verhalten zu verbinden.
Es lernt möglicherweise: „Wenn ich brav bin, werde ich geliebt. Wenn ich enttäusche, bin ich weniger wert.“
Ein gesundes Selbstwertgefühl braucht jedoch eine andere Botschaft. „Ich liebe dich, auch wenn ich mit deinem Verhalten nicht einverstanden bin.“
Eltern dürfen klare Regeln aufstellen und Konsequenzen erklären. Sie müssen nicht jedes Verhalten akzeptieren. Aber sie sollten zwischen dem Kind und seinem Verhalten unterscheiden.
Ein Kind, das gelogen hat, braucht eine Erklärung, warum Ehrlichkeit wichtig ist. Es braucht nicht die Botschaft, selbst ein schlechter Mensch zu sein.
Kinder werden innerlich stark, wenn sie wissen, dass Fehler ihre Beziehung zu den Eltern nicht gefährden.
2. Eltern, die wirklich zuhören, statt alles sofort besser zu wissen
Stell dir vor, deine Tochter kommt aus der Schule und erzählt, dass ihre beste Freundin plötzlich nicht mehr mit ihr sprechen möchte.
Du möchtest sie trösten und sagst: „Ach, morgen ist alles wieder gut. Mach dir keine Gedanken.“ Vielleicht ist das liebevoll gemeint.
Doch deine Tochter wollte möglicherweise gar keine schnelle Lösung. Sie wollte erzählen, wie verletzt sie sich fühlt. Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Gedanken und Gefühle ernst nehmen.
Wenn ein Kind traurig ist, muss man seine Traurigkeit nicht sofort wegreden.
Wenn es Angst hat, hilft es selten, ihm zu sagen, dass es keinen Grund dafür gibt.
Und wenn es wütend ist, braucht es Unterstützung dabei, seine Gefühle auszudrücken, ohne andere zu verletzen.
Eltern können beispielsweise sagen:
„Ich verstehe, dass dich das traurig macht.“
„Erzähl mir, was genau passiert ist.“
„Was glaubst du, würde dir jetzt helfen?“
Solche Gespräche vermitteln dem Kind, dass seine innere Welt wichtig ist.
Es lernt, Gefühle zu benennen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und sich anderen Menschen mitzuteilen.
Ein Kind, dem zu Hause zugehört wird, entwickelt eher das Vertrauen, dass seine Stimme auch außerhalb der Familie zählt.
3. Eltern, die ihren Kindern etwas zutrauen
Manche Eltern nehmen ihren Kindern aus Liebe fast jede Schwierigkeit ab.
Sie räumen das Kinderzimmer auf, suchen vergessene Schulsachen, erledigen unangenehme Aufgaben und lösen Konflikte, bevor das Kind selbst etwas versuchen kann.
Natürlich brauchen Kinder Unterstützung und Schutz. Doch sie brauchen auch die Erfahrung, etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben. Ein Kind, das selbst seine Schuhe bindet, fühlt sich stolz.
Ein Schulkind, das eine schwierige Hausaufgabe nach mehreren Versuchen löst, erlebt seine eigene Kompetenz.
Und ein Teenager, der lernt, seine Zeit einzuteilen oder ein Problem selbst anzusprechen, gewinnt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Diese Erfahrungen sind häufig wirkungsvoller als ein allgemeines „Du kannst alles schaffen!“. Denn das Kind bekommt einen echten Beweis dafür, dass es etwas bewirken kann.
Wichtig ist, die Aufgaben dem Alter und Entwicklungsstand anzupassen.
Zu große Verantwortung kann Kinder überfordern. Kleine, bewältigbare Herausforderungen dagegen helfen ihnen, selbstständiger zu werden.
Selbstvertrauen entsteht nicht, wenn Eltern jedes Hindernis entfernen, sondern wenn Kinder erleben dürfen, dass sie Schwierigkeiten mit angemessener Unterstützung bewältigen können.
4. Eltern, die Fehler zugeben und sich entschuldigen können
Viele Erwachsene erwarten von ihren Kindern, dass sie sich entschuldigen, wenn sie etwas falsch gemacht haben.
Doch wie häufig erleben Kinder, dass ihre Eltern selbst Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen? Vielleicht hat eine Mutter morgens geschimpft, weil alle zu spät dran waren.
Oder ein Vater hat seinem Sohn eine ungerechte Anschuldigung gemacht. Solche Situationen kommen in Familien vor.
Entscheidend ist, was danach passiert.
Ein Satz wie „Es tut mir leid, dass ich vorhin so laut geworden bin. Ich war gestresst, aber ich hätte nicht so mit dir sprechen sollen“ kann für ein Kind sehr bedeutsam sein.
Es erfährt, dass auch Erwachsene Fehler machen. Dass man sich entschuldigen darf, ohne dadurch an Würde zu verlieren.
Und dass Konflikte nicht bedeuten müssen, dass eine Beziehung beschädigt bleibt. Eltern, die ihre Fehler zugeben, zeigen ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Verantwortung.
Sie vermitteln, dass niemand perfekt sein muss und dass Beziehungen durch Ehrlichkeit und Wiedergutmachung gestärkt werden können.
Das schützt Kinder auch davor, später jeden eigenen Fehler als persönliches Versagen zu betrachten.
5. Eltern, die Zeit schenken, ohne etwas dafür zu erwarten
Ein Kind möchte nicht nur dann Aufmerksamkeit bekommen, wenn es eine gute Note schreibt, beim Sport gewinnt oder etwas Besonderes leistet.
Es möchte auch an gewöhnlichen Tagen wichtig sein.
Vielleicht erzählt es beim Abendessen von einem lustigen Erlebnis.
Vielleicht möchte es gemeinsam ein Spiel spielen oder einfach neben Mama auf dem Sofa sitzen.
Solche Momente wirken unscheinbar, können aber eine wichtige Grundlage für das Selbstwertgefühl schaffen.
Denn sie vermitteln: „Ich bin interessant und liebenswert, auch wenn ich gerade nichts Besonderes tue.“ Dafür müssen Eltern nicht ständig aufwendige Aktivitäten organisieren. Oft reichen kleine, verlässliche Rituale.
Ein gemeinsames Frühstück, ein Spaziergang, ein Gespräch vor dem Schlafengehen oder ein paar Minuten, in denen das Handy zur Seite gelegt wird.
Entscheidend ist, dass das Kind echte Aufmerksamkeit erlebt. Nicht jede Erzählung muss bewertet werden. Nicht jedes Spiel braucht einen Gewinner. Und nicht jedes Gespräch muss mit einem Ratschlag enden. Manchmal ist die wichtigste Botschaft einfach: „Ich bin gerne mit dir zusammen.“
Warum Lob allein nicht ausreicht?
Lob ist etwas Schönes, wenn es ehrlich und angemessen ist. Ein Kind darf sich freuen, wenn seine Eltern seine Anstrengung bemerken oder seine Leistung anerkennen.
Problematisch kann es jedoch werden, wenn Anerkennung hauptsächlich an Erfolg geknüpft ist.
Ein Kind, das immer wieder hört, es sei besonders intelligent, könnte irgendwann Angst entwickeln, durch Fehler das Gegenteil zu beweisen.
Ein Kind, das vor allem für gute Noten Aufmerksamkeit bekommt, könnte beginnen, seinen Wert an schulischen Leistungen zu messen.
Deshalb ist es sinnvoll, nicht nur Ergebnisse zu loben, sondern auch Interesse, Anstrengung und Lernfortschritte wahrzunehmen.
Statt „Du bist die Beste!“ könnte man sagen:
„Du hast dir wirklich Mühe gegeben und viel dazugelernt.“
Noch wichtiger ist allerdings, dass ein Kind auch dann Zuwendung erfährt, wenn es keinen Erfolg vorweisen kann.
Denn Selbstwert und Selbstvertrauen sind nicht dasselbe.
Selbstvertrauen bedeutet, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben.
Selbstwert bedeutet, sich auch dann als wertvollen Menschen zu erleben, wenn etwas nicht gelingt.
Kinder lernen Selbstwert vor allem durch das Verhalten ihrer Eltern
Eltern können ihrem Kind hundertmal sagen, dass es wertvoll ist.
Wenn sie es gleichzeitig ständig mit anderen vergleichen, seine Gefühle lächerlich machen oder nur bei guten Leistungen zufrieden sind, entsteht eine widersprüchliche Botschaft.
Kinder achten sehr genau darauf, wie Erwachsene handeln.
Sie beobachten, ob ihre Meinung zählt, wie Streit gelöst wird und ob sie auch mit unangenehmen Gefühlen willkommen sind.
Sie lernen außerdem daraus, wie ihre Eltern mit sich selbst umgehen.
Eine Mutter, die sich wegen jedes Fehlers abwertet, vermittelt ungewollt, dass Fehler etwas Beschämendes sind.
Ein Vater, der nach einem Misserfolg ruhig nach einer Lösung sucht, zeigt dagegen, dass Rückschläge zum Leben gehören.
Eltern müssen dafür nicht perfekt sein. Sie müssen auch nicht immer die richtigen Worte finden. Wichtiger ist, dass Kinder über längere Zeit Respekt, Verlässlichkeit und ehrliches Interesse erleben.
Was Kinder wirklich stark macht
Ein selbstbewusstes Kind ist nicht unbedingt das lauteste, mutigste oder erfolgreichste Kind. Es ist auch nicht eines, das niemals Angst hat oder keine Fehler macht.
Innere Stärke zeigt sich vielmehr darin, dass ein Kind sich etwas zutraut, Unterstützung annehmen kann und nach Enttäuschungen wieder Mut findet.
Dass es seine Meinung sagen darf, ohne andere abzuwerten.
Dass es Nein sagen kann, wenn ihm etwas unangenehm ist.
Und dass es weiß, dass sein Wert nicht davon abhängt, ob es anderen immer gefällt.
Das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können, ist deshalb nicht ständiges Lob. Es ist das sichere Gefühl: Ich bin wichtig. Meine Gefühle zählen. Ich darf Fehler machen. Und ich werde geliebt, auch wenn ich nicht perfekt bin.
Quellen
- Jesper Juul – Dein kompetentes Kind. Über die Bedeutung von Respekt, Eigenständigkeit und gleichwürdigen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern.
- Alfie Kohn – Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft. Über bedingungslose Zuwendung und die möglichen Probleme einer Erziehung, die stark auf Belohnung und Anerkennung ausgerichtet ist.




