Nicht jede Mutter, die alles organisiert, ist emotional erreichbar

Nicht jede Mutter, die alles organisiert, ist emotional erreichbar

Es gibt Mütter, die scheinbar an alles denken. Sie wissen, wann der nächste Arzttermin ist, kaufen rechtzeitig neue Schuhe, erinnern an Schulaufgaben, organisieren Geburtstage, kochen, waschen, fahren ihre Kinder von einem Termin zum nächsten und bemerken sofort, wenn im Kühlschrank etwas fehlt. Sie tragen einen großen Teil des Familienalltags und sorgen dafür, dass das Leben irgendwie funktioniert.

Von außen betrachtet scheint es einem Kind bei einer solchen Mutter an nichts zu fehlen.

Und trotzdem kann dieses Kind später sagen: „Meine Mutter hat unglaublich viel für mich getan, aber ich konnte mit meinen Gefühlen nicht wirklich zu ihr kommen.“

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Eine Mutter kann verantwortungsvoll, fleißig und aufopfernd sein und dennoch Schwierigkeiten damit haben, emotional erreichbar zu sein. Denn praktische Fürsorge und emotionale Nähe sind miteinander verbunden, aber sie sind nicht dasselbe.


Eine Mutter kann sich kümmern, ohne wirklich zu fragen, wie es ihrem Kind geht

Emotionale Erreichbarkeit zeigt sich nicht nur darin, dass eine Mutter körperlich anwesend ist. Es geht darum, ob ein Kind mit dem, was in ihm passiert, einen sicheren Platz bei ihr findet.

Kann es traurig sein, ohne sofort zu hören: „Jetzt wein doch nicht“?

Kann es Angst haben, ohne dass seine Angst heruntergespielt wird?

Kann es wütend auf seine Mutter sein, ohne befürchten zu müssen, ihre Liebe zu verlieren?

Kann es erzählen, dass etwas wehgetan hat, ohne dass sofort eine Lösung, Belehrung oder Kritik folgt?

Manche Mütter reagieren auf Gefühle hauptsächlich praktisch. Das Kind kommt weinend nach Hause, weil es sich mit einer Freundin gestritten hat, und die Mutter beginnt sofort zu erklären, was es beim nächsten Mal anders machen sollte.

Die Tochter erzählt von einer Enttäuschung und bekommt zu hören: „Vergiss ihn, der ist es nicht wert.“ Der Sohn sagt, dass er Angst vor etwas hat, und die Mutter antwortet: „Du schaffst das schon.“

Diese Antworten können liebevoll gemeint sein. Trotzdem fehlt manchmal etwas Entscheidendes: der Moment, in dem jemand einfach sagt: „Das hat dich wirklich getroffen. Erzähl mir davon.“

Ein Kind braucht nicht immer eine Lösung. Manchmal braucht es zuerst jemanden, der sein Gefühl aushält.

Warum manche Mütter emotional schwer erreichbar sind

Nicht jede emotional distanzierte Mutter ist lieblos. Hinter emotionaler Unerreichbarkeit können sehr unterschiedliche Lebensgeschichten stehen.

Vielleicht ist sie selbst in einer Familie aufgewachsen, in der Gefühle kaum besprochen wurden. Wenn sie als Kind traurig war, wurde sie aufgefordert, sich zusammenzureißen. Wenn sie Angst hatte, musste sie trotzdem funktionieren. Niemand fragte lange nach ihrer inneren Welt.

Wie soll ein Mensch selbstverständlich etwas weitergeben, das er selbst kaum erfahren hat?

Andere Mütter leben über Jahre unter enormem Druck. Arbeit, Haushalt, finanzielle Sorgen, Partnerschaftsprobleme, die Versorgung mehrerer Kinder oder die Verantwortung für ältere Angehörige können dazu führen, dass eine Frau fast ausschließlich funktioniert. Ihr Kopf ist ständig damit beschäftigt, was als Nächstes erledigt werden muss.

Dann kann Fürsorge zu Organisation werden.

Hat das Kind gegessen? Sind die Hausaufgaben gemacht? Ist die Sporttasche gepackt? Wann ist der Zahnarzttermin?

Für die Frage „Wie geht es dir eigentlich wirklich?“ bleibt innerlich kaum noch Raum.

Manche Frauen schützen sich wiederum vor starken Gefühlen, weil sie selbst nie gelernt haben, mit ihnen umzugehen. Wenn das Kind traurig ist, berührt seine Traurigkeit vielleicht etwas in ihnen, das sie selbst jahrelang verdrängt haben. Deshalb versuchen sie, das Gefühl möglichst schnell zu beenden.

Nicht unbedingt, weil ihnen das Kind egal ist.

Vielleicht weil sie mit seiner Traurigkeit auch ihrer eigenen begegnen müssten.

Das erklärt manches Verhalten. Es bedeutet jedoch nicht, dass seine Folgen für das Kind bedeutungslos sind.

Das Kind sieht eine Mutter, die alles tut – und versteht trotzdem nicht, warum etwas fehlt

Gerade deshalb kann diese Form emotionaler Distanz so schwer einzuordnen sein. Das Kind kann nicht einfach sagen: „Meine Mutter war nie für mich da.“

Denn sie war da.

Sie hat gekocht. Sie ist zu Elternabenden gegangen. Sie hat Medikamente gebracht, wenn das Kind krank war. Vielleicht hat sie auf vieles verzichtet, damit ihre Kinder mehr haben konnten.

Das erwachsene Kind fühlt sich deshalb manchmal sogar schuldig, wenn es über das spricht, was ihm gefehlt hat.

„Andere hatten viel schlimmere Eltern.“

„Meine Mutter hat doch alles für uns gemacht.“

„Vielleicht verlange ich einfach zu viel.“

Doch Dankbarkeit und Schmerz schließen einander nicht aus.

Ein Mensch darf dankbar dafür sein, was seine Mutter geleistet hat, und gleichzeitig traurig darüber sein, was emotional nicht möglich war.

Man muss eine Mutter nicht zur schlechten Mutter erklären, um eine eigene Verletzung ernst nehmen zu dürfen.

Was ein Kind daraus über sich selbst lernen kann

Kinder erklären sich die Welt zunächst nicht wie Erwachsene. Sie denken selten: „Meine Mutter verfügt aufgrund ihrer eigenen Geschichte nur über begrenzte emotionale Fähigkeiten.“

Sie suchen die Erklärung eher bei sich.

Wenn Gefühle wiederholt abgewehrt werden, kann ein Kind daraus lernen: Meine Gefühle sind zu viel.

Wenn die Mutter immer beschäftigt ist, kann es lernen: Ich sollte sie nicht zusätzlich belasten.

Wenn Probleme sofort gelöst statt angehört werden, kann es lernen: Für ein Gefühl brauche ich eine Rechtfertigung oder eine Lösung.

Manche Kinder werden dadurch auffallend selbstständig. Sie erzählen weniger, lösen Probleme allein und versuchen, möglichst unkompliziert zu sein.

Später sind sie vielleicht diejenigen, die für alle anderen da sind, aber kaum jemanden anrufen, wenn es ihnen selbst schlecht geht.

Sie können hervorragend funktionieren und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen.

Nicht Jede Mutter, Die Alles Organisiert, Ist Emotional Erreichbar(1)

Manchmal wiederholt sich das Muster in der eigenen Familie

Das Interessante und gleichzeitig Schmerzliche an Familienmustern ist, dass Menschen manchmal genau das weitergeben, worunter sie selbst gelitten haben.

Eine Tochter sagt sich vielleicht: „Bei meinen Kindern werde ich alles anders machen.“

Und sie meint es ernst.

Doch irgendwann ist sie selbst erschöpft. Der Alltag ist voll. Ein Kind weint wegen etwas, das ihr unwichtig erscheint, und plötzlich hört sie sich sagen:

„Das ist doch kein Grund zum Weinen.“

Vielleicht erschrickt sie, weil sie in diesem Moment ihre eigene Mutter hört. Das bedeutet nicht, dass sie genauso werden muss.

Es bedeutet, dass alte Muster oft automatisch auftauchen, besonders unter Stress. Der entscheidende Unterschied beginnt dort, wo ein Mensch sie bemerkt.

Verzeihen bedeutet nicht, die Vergangenheit umzuschreiben

Viele erwachsene Kinder glauben, sie hätten nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie bleiben wütend auf ihre Mutter oder sie verzeihen ihr und müssen dann so tun, als sei eigentlich nichts gewesen.

Doch Vergebung muss nicht so funktionieren.

Man kann verstehen, warum eine Mutter emotional begrenzt war, ohne zu behaupten, dass es nicht wehgetan hat.

Man kann sagen: „Heute verstehe ich, dass du selbst nie gelernt hast, über Gefühle zu sprechen. Aber als Kind hätte ich trotzdem gebraucht, dass du mir zuhörst.“

Beides darf nebeneinanderstehen.

Verstehen kann helfen, die Mutter nicht mehr ausschließlich durch die Verletzung zu betrachten. Gleichzeitig muss Verständnis nicht bedeuten, jedes Verhalten weiterhin hinzunehmen.

Auch ein erwachsenes Kind darf Grenzen haben.

Vielleicht muss das Kind auch sich selbst etwas verzeihen

Nicht nur die Beziehung zur Mutter braucht manchmal Versöhnung. Auch der Umgang mit sich selbst.

Vielleicht muss eine erwachsene Tochter sich verzeihen, dass sie jahrelang versucht hat, die Anerkennung ihrer Mutter zu bekommen.

Vielleicht darf sie sich verzeihen, dass sie manchmal wütend ist, obwohl ihre Mutter „doch so viel getan hat“.

Vielleicht muss sie aufhören, sich dafür zu verurteilen, dass sie heute Schwierigkeiten hat, Hilfe anzunehmen, Gefühle auszusprechen oder Grenzen zu setzen.

Viele dieser Verhaltensweisen waren einmal Anpassungen.

Das Kind tat das, was ihm half, mit seiner Umgebung zurechtzukommen. Als Erwachsener darf es nun lernen, dass es diese Strategien nicht für immer behalten muss.

Eine gesunde Beziehung zu sich selbst beginnt mit einer neuen inneren Antwort

Wer früh gelernt hat, Gefühle kleinzumachen, kann beginnen, ihnen wieder Raum zu geben.

Statt sofort zu denken: „Ich übertreibe“, kann die Frage lauten: „Was hat mich gerade verletzt?“

Statt: „Ich darf niemanden belasten“, vielleicht: „Wen kann ich um Unterstützung bitten?“

Statt: „Ich muss das allein schaffen“, vielleicht: „Warum sollte ich alles allein tragen müssen?“

Das klingt einfach. Für jemanden, der jahrzehntelang anders gelebt hat, kann es eine große Veränderung sein.

Auch die eigene Familie kann dadurch zu einem Ort werden, an dem etwas Neues entsteht.

Man muss den eigenen Kindern nicht jede Enttäuschung ersparen. Man muss auch nicht jederzeit perfekt emotional verfügbar sein. Kein Elternteil kann das.

Wichtiger ist, zurückkommen zu können.

Wenn man zu hart reagiert hat, kann man sagen: „Vorhin habe ich dir nicht richtig zugehört. Erzähl es mir noch einmal.“

Wenn man keine Kraft hat, kann man sagen: „Ich bin gerade sehr erschöpft, aber dein Problem ist mir wichtig. Lass uns später in Ruhe darüber sprechen.“

Ein Kind lernt dadurch etwas, das vielleicht in der vorherigen Generation gefehlt hat: Beziehungen müssen nicht perfekt sein, um sicher zu sein. Menschen können sich verfehlen und wieder zueinanderfinden.

Die Mutter darf ein ganzer Mensch werden – und das Kind auch

Vielleicht ist eine der schwierigsten Aufgaben im Erwachsenenalter, die eigene Mutter irgendwann nicht mehr nur als „Mama“ zu betrachten.

Sie war auch eine Frau mit einer eigenen Kindheit, eigenen Ängsten, Grenzen, unerfüllten Bedürfnissen und vielleicht Wunden, über die sie selbst nie sprechen konnte.

Diese Erkenntnis kann Mitgefühl schaffen.

Aber auch das erwachsene Kind darf ein ganzer Mensch sein.

Es darf anerkennen, was die Mutter gegeben hat, ohne das Fehlende zu verleugnen. Es darf lieben und trotzdem Grenzen setzen. Es darf vergeben, ohne alles zu vergessen. Und es darf entscheiden, bestimmte Muster nicht an die nächste Generation weiterzugeben.

Vielleicht besteht Heilung deshalb nicht darin, irgendwann sagen zu können: „Meine Mutter hat doch alles richtig gemacht.“

Vielleicht besteht sie eher in einem anderen Satz:

„Meine Mutter hat mir gegeben, was sie geben konnte. Ich darf traurig über das sein, was mir gefehlt hat. Und heute darf ich lernen, mir selbst und den Menschen, die ich liebe, etwas von dem zu geben, was damals keinen Platz hatte.“

So wird aus der Vergangenheit keine perfekte Geschichte. Aber sie muss auch nicht mehr darüber entscheiden, wie Nähe, Liebe und Familie heute aussehen.

Quellen:

  • Jasmin Lee Cori – The Emotionally Absent Mother: A Guide to Self-Healing and Getting the Love You Missed
  • Karyl McBride – Will I Ever Be Good Enough? Healing the Daughters of Narcissistic Mothers
  • Daniel J. Siegel & Mary Hartzell – Parenting from the Inside Out