Narzissten sind keine Partner auf Augenhöhe
Ich habe lange geglaubt, wir würden dieselbe Beziehung führen.
Ich dachte, wir hätten dieselben Ziele, dieselben Wünsche und dieselbe Vorstellung von Liebe. Ich glaubte, wir wären zwei Menschen, die gemeinsam durchs Leben gehen.
Heute weiß ich, dass wir nie wirklich auf Augenhöhe waren.
Während ich versuchte zu verstehen, versuchte er zu bestimmen.
Während ich nach Lösungen suchte, wollte er Recht behalten.
Während ich Nähe wollte, wollte er Kontrolle.
Damals habe ich das nicht erkannt. Ich dachte einfach, Beziehungen seien manchmal schwierig.
Ich war immer diejenige, die nachgab
Wenn wir unterschiedlicher Meinung waren, endete es fast immer gleich. Irgendwann gab ich nach.
Nicht weil ich plötzlich seiner Meinung war. Sondern weil ich müde wurde.
Ich wollte keinen Streit mehr.
Ich wollte einfach nur wieder Frieden.
Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, meine Wünsche zurückzustellen. Er musste sich kaum bewegen. Ich bewegte mich immer.
Meine Gefühle mussten erklärt werden
Ich erinnere mich noch daran, wie oft ich sagte: „Das hat mich verletzt.“
Doch anstatt zu fragen, warum es mich verletzt hatte, erklärte er mir, weshalb ich es falsch verstanden hätte.
Oder warum ich überreagierte. Oder warum jeder andere das genauso sehen würde wie er.
Irgendwann begann ich sogar, meine eigenen Gefühle zu rechtfertigen.
Heute frage ich mich, warum ich glaubte, Schmerz beweisen zu müssen.
Es gab immer nur Platz für seine Wahrheit
Ich hatte eine Erinnerung.
Er hatte eine andere.
Und irgendwie gewann immer seine Version. Nicht weil sie richtiger war.
Sondern weil er sie so lange verteidigte, bis ich irgendwann aufgab. Oft dachte ich später: „Vielleicht erinnere ich mich wirklich falsch.“
Erst lange nach der Beziehung wurde mir bewusst, wie oft ich an mir selbst gezweifelt hatte.
Ich fühlte mich wie eine Zuschauerin in meiner eigenen Beziehung
Es klingt seltsam, aber genau so war es.
Ich war da.
Ich liebte.
Ich investierte.
Ich plante unsere Zukunft.
Und trotzdem hatte ich oft das Gefühl, dass sich alles um ihn drehte.
Seine Probleme.
Seine Familie.
Sein Beruf.
Seine Stimmung.
Wenn es mir schlecht ging, schien dafür kaum Platz zu sein. Nach kurzer Zeit sprach wieder alles über ihn.
Ich hatte Angst, ehrlich zu sein
Mit der Zeit begann ich, vieles für mich zu behalten. Nicht weil ich geheimnisvoll sein wollte. Sondern weil ich wusste, wie Gespräche endeten.
Wenn ich ehrlich sagte, dass ich enttäuscht war, fühlte ich mich danach meistens noch schlechter. Also schwieg ich häufiger. Nicht weil das Problem verschwunden war. Sondern weil ich keine Kraft mehr hatte, mich ständig erklären zu müssen.
Ich habe mich selbst immer weiter verloren
Das passierte nicht von heute auf morgen.
Es waren kleine Dinge.
Ich sagte Verabredungen ab.
Ich änderte meine Meinung schneller.
Ich fragte ihn bei jeder Entscheidung nach seiner Zustimmung.
Ich achtete ständig darauf, wie er reagieren könnte.
Irgendwann merkte ich, dass ich kaum noch wusste, was ich selbst eigentlich wollte.
Ich dachte, ich müsste nur noch verständnisvoller sein
Immer wieder sagte ich mir: „Er hatte eine schwere Kindheit.“
„Er steht gerade unter Stress.“
„Vielleicht braucht er einfach mehr Zeit.“
Für alles fand ich eine Erklärung.
Nur nicht für mich.
Ich fragte mich nie: Warum bin eigentlich immer ich diejenige, die Verständnis haben muss?
Liebe darf nicht bedeuten, sich selbst aufzugeben
Heute glaube ich, dass ich Liebe damals falsch verstanden habe.
Ich dachte, Liebe bedeute Geduld.
Ich dachte, Liebe bedeute, immer wieder zu verzeihen.
Ich dachte, Liebe bedeute, den anderen nie aufzugeben.
Heute weiß ich, dass Liebe auch bedeutet, sich selbst nicht zu verlieren. Dass meine Gefühle genauso wichtig sind wie die des anderen. Dass ich nicht ständig kämpfen muss, um gehört zu werden.
Erst nach der Trennung verstand ich, was mir gefehlt hatte
Ich vermisste nicht nur ihn. Ich vermisste mich selbst.
Die Frau, die früher lachen konnte.
Die ihre Meinung sagte.
Die Entscheidungen traf.
Die sich nicht ständig fragte, ob sie zu empfindlich sei.
Erst als ich Abstand bekam, erkannte ich, wie klein ich mich in dieser Beziehung gemacht hatte. Nicht weil ich schwach war.
Sondern weil eine Beziehung, in der einer immer über dem anderen steht, den anderen mit der Zeit klein werden lässt.
Heute weiß ich, was Augenhöhe bedeutet
Heute wünsche ich mir keinen perfekten Menschen. Ich wünsche mir jemanden, bei dem ich mich nicht erklären muss, wenn ich traurig bin.
Jemanden, der zuhört, statt sofort zu widersprechen. Der mich nicht verändern will.
Der sich mit mir freut, wenn ich glücklich bin. Und der Verantwortung übernimmt, wenn er mich verletzt.
Denn Liebe ist kein Wettkampf.
Sie ist kein Kampf darum, wer Recht hat, wer bestimmt oder wessen Bedürfnisse wichtiger sind.
Eine Beziehung auf Augenhöhe beginnt dort, wo beide Menschen sagen können: „Deine Gefühle sind genauso wichtig wie meine.“ Genau das habe ich damals vermisst. Und genau deshalb weiß ich heute: Ein Narzisst kann dir das Gefühl geben, geliebt zu werden – aber nur selten das Gefühl, ihm wirklich gleichwertig zu sein.
Quellen
- Craig Malkin – Rethinking Narcissism: Erklärt, warum Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen Schwierigkeiten mit Gleichwertigkeit, Empathie und gesunden Partnerschaften haben.
- Wendy T. Behary – Disarming the Narcissist: Beschreibt typische Beziehungsmuster narzisstischer Menschen und zeigt, warum echte Augenhöhe oft nicht möglich ist.
- Joseph Burgo – The Narcissist You Know: Analysiert verschiedene Formen des Narzissmus und deren Auswirkungen auf Partnerschaften und zwischenmenschliche Beziehungen.
- Ramani Durvasula – It’s Not You: Erklärt, warum Beziehungen mit narzisstischen Menschen häufig von Machtungleichgewicht, Manipulation und fehlender emotionaler Gegenseitigkeit geprägt sind.




