Manche Kinder übernehmen die Gefühle ihrer Eltern, bevor sie ihre eigenen verstehen

Manche Kinder übernehmen die Gefühle ihrer Eltern, bevor sie ihre eigenen verstehen

Manche Kinder lernen sehr früh, die Stimmung ihrer Eltern zu erkennen. Sie brauchen dafür keine Erklärung. Sie hören es an der Art, wie eine Tür geschlossen wird. Sie erkennen es am Gesicht der Mutter, wenn sie von der Arbeit kommt. Sie spüren es an der Stimme des Vaters, wenn er angespannt ist. Sie merken, ob heute ein guter oder ein schlechter Tag ist, noch bevor jemand etwas gesagt hat.

Während andere Kinder morgens vielleicht zuerst darüber nachdenken, womit sie spielen möchten oder was sie in der Schule erwartet, beschäftigt ein solches Kind unbewusst eine ganz andere Frage: Wie geht es Mama heute? Ist Papa schlecht gelaunt? Darf ich etwas fragen? Muss ich lieber ruhig sein?


Das Kind beginnt, die emotionale Atmosphäre seiner Familie zu beobachten, bevor es gelernt hat, seine eigenen Gefühle zu verstehen.

Und irgendwann kann etwas passieren, das von außen kaum sichtbar ist: Die Gefühle der Eltern werden wichtiger als die eigenen.


Kinder orientieren sich an ihren Bezugspersonen

Kinder sind von Erwachsenen abhängig. Deshalb ist es grundsätzlich normal, dass sie sehr aufmerksam auf ihre wichtigsten Bezugspersonen reagieren.

Ein kleines Kind kann viele Situationen noch nicht selbst beurteilen. Es schaut deshalb auf Mama oder Papa: Ist das gefährlich? Sind wir sicher? Ist alles in Ordnung?

Die Reaktionen der Eltern helfen dem Kind, seine Umwelt einzuordnen.

Problematisch kann es werden, wenn ein Kind dauerhaft das Gefühl bekommt, dass die emotionale Stabilität zu Hause davon abhängt, wie gut es sich an die Stimmung eines Erwachsenen anpasst.


Vielleicht ist ein Elternteil schnell gereizt. Vielleicht leidet er unter starkem Stress. Vielleicht wechseln Nähe und Distanz häufig. Vielleicht herrscht zu Hause viel Streit. Oder ein Elternteil spricht ständig mit dem Kind über Probleme, die eigentlich in die Welt der Erwachsenen gehören.

Das Kind beginnt dann möglicherweise nicht nur wahrzunehmen, wie es dem Elternteil geht. Es beginnt, sich dafür verantwortlich zu fühlen.

Wenn Mama traurig ist, muss ich sie glücklich machen

Ein Kind unterscheidet noch nicht so klar zwischen Mitgefühl und Verantwortung. Wenn Mama traurig ist, möchte es sie vielleicht trösten. Das ist zunächst etwas Natürliches und Schönes.

Schwierig wird es, wenn das Kind regelmäßig glaubt, für Mamas Wohlbefinden zuständig zu sein.

Dann versucht es, besonders lieb zu sein. Es erzählt Witze, wenn Mama traurig aussieht. Es verschweigt eigene Probleme, weil Mama bereits genug Sorgen hat. Es wird ungewöhnlich selbstständig, damit es keine zusätzliche Belastung darstellt.

Vielleicht hört es sogar Sätze wie:

„Du bist der Einzige, der mich versteht.“

„Was würde ich nur ohne dich machen?“

„Du musst jetzt stark für Mama sein.“

Für einen Erwachsenen können solche Sätze liebevoll klingen. Für ein Kind können sie jedoch eine enorme Verantwortung bedeuten.

Denn plötzlich ist es nicht mehr nur Kind. Es wird zum Tröster, Zuhörer oder emotionalen Halt eines Erwachsenen.

Das eigene Gefühl muss warten

Stell dir ein Kind vor, das traurig aus der Schule kommt.

Eigentlich möchte es erzählen, dass es ausgeschlossen wurde. Doch als es nach Hause kommt, merkt es sofort, dass die Mutter angespannt ist.

Also sagt es nichts. Am nächsten Tag möchte es erzählen, dass es Angst vor einer Klassenarbeit hat. Doch der Vater ist gereizt. Wieder sagt es nichts.

Das passiert nicht einmal, sondern immer wieder. Mit der Zeit lernt das Kind etwas:

Bevor ich herausfinde, wie es mir geht, muss ich zuerst herausfinden, wie es den anderen geht.

Das kann später so selbstverständlich werden, dass der Erwachsene kaum noch bemerkt, wie stark dieses Muster sein Leben bestimmt.

Jemand fragt: „Was möchtest du?“ Und er weiß es nicht. Aber er weiß sofort, was alle anderen brauchen.

Manche Kinder werden zu Experten für Stimmungen

Diese Kinder können später erstaunlich feinfühlig wirken.

Sie bemerken kleinste Veränderungen in der Stimme eines Menschen. Sie erkennen Spannung in einem Raum. Sie merken sofort, wenn jemand distanzierter antwortet als sonst.

Was häufig als außergewöhnliche Menschenkenntnis erscheint, kann teilweise aus jahrelanger Anpassung entstanden sein.

Das Kind musste beobachten.

Denn Beobachtung bedeutete Sicherheit.

Wenn Papa heute schlecht gelaunt war, musste man vielleicht vorsichtiger sprechen.

Wenn Mama traurig war, durfte man sie nicht zusätzlich belasten.

Wenn zwischen den Eltern Spannung herrschte, musste man besonders unkompliziert sein.

So entsteht möglicherweise eine innere Wachsamkeit:

Wie geht es den anderen?

Die Frage „Wie geht es mir?“ kommt erst danach.

Manche Kinder Übernehmen Die Gefühle Ihrer Eltern, Bevor Sie Ihre Eigenen Verstehen(1)

Wenn Kinder die Sorgen der Erwachsenen tragen

Besonders belastend kann es werden, wenn Eltern ihre Kinder regelmäßig in Erwachsenenprobleme hineinziehen.

Eine Mutter erzählt ihrer Tochter ausführlich von den Schwierigkeiten mit dem Vater.

Ein Vater spricht mit seinem Sohn über finanzielle Sorgen und vermittelt ihm das Gefühl, dass jederzeit alles zusammenbrechen könnte.

Ein Elternteil macht das Kind zum Vertrauten im Beziehungskonflikt.

Das Kind hört Dinge, die es emotional noch nicht einordnen kann.

Es möchte helfen, besitzt aber keine Möglichkeit, das Problem zu lösen.

Dann entsteht leicht ein Gefühl von Hilflosigkeit und Verantwortung gleichzeitig.

In der Psychologie wird in bestimmten Fällen von emotionaler Parentifizierung gesprochen. Damit ist gemeint, dass ein Kind emotionale Aufgaben übernimmt, die eigentlich von Erwachsenen getragen werden sollten.

Es wird beispielsweise zum Tröster, Vermittler, Berater oder emotionalen Partnerersatz.

Nicht jede Situation, in der ein Kind einen Elternteil tröstet, ist Parentifizierung. Entscheidend sind Dauer, Intensität und die Frage, ob das Kind weiterhin genügend Raum für seine eigenen Bedürfnisse bekommt.

Ich darf Mama nicht enttäuschen

Wenn ein Kind sehr stark auf die Gefühle seiner Eltern ausgerichtet ist, können auch Grenzen schwierig werden.

Vielleicht möchte die Tochter etwas anderes studieren, weiß aber, wie sehr die Mutter von einem bestimmten Beruf träumt.

Vielleicht möchte der Sohn ausziehen, sieht aber, wie einsam der Vater dadurch wäre.

Vielleicht möchte ein erwachsenes Kind Weihnachten einmal beim Partner verbringen, bekommt jedoch sofort ein schlechtes Gewissen.

Dann wird eine einfache Entscheidung plötzlich emotional kompliziert.

Nicht nur die eigene Frage zählt: „Was möchte ich?“

Sondern sofort:

„Wie wird Mama darauf reagieren?“

„Wird Papa enttäuscht sein?“

„Verletze ich jemanden?“

„Bin ich egoistisch?“

So kann ein Kind erwachsen werden und trotzdem das Gefühl behalten, für die Emotionen anderer verantwortlich zu sein.

Daraus können Menschen werden, die ständig Harmonie herstellen wollen

Im Erwachsenenalter zeigt sich dieses Muster häufig nicht offensichtlich. Es kann wie besondere Rücksichtnahme aussehen.

Man sagt Ja, obwohl man Nein meint.

Man entschuldigt sich schnell.

Man versucht Konflikte sofort zu lösen.

Man spürt schlechte Stimmung und fragt automatisch: „Habe ich etwas falsch gemacht?“

Man kann kaum entspannen, wenn ein anderer Mensch unzufrieden ist.

Besonders in Partnerschaften kann das belastend werden.

Wenn der Partner schweigt, entsteht sofort Unruhe. Wenn er schlechte Laune hat, versucht man herauszufinden, wie man sie beseitigen kann.

Dabei wird leicht vergessen: Ein anderer Mensch darf schlechte Laune haben, ohne dass du sie reparieren musst.

Empathie ist etwas anderes als emotionale Verantwortung

Es ist gesund, Mitgefühl zu haben.

Kinder dürfen ihre Eltern trösten. Partner dürfen füreinander da sein. Menschen dürfen einander unterstützen.

Aber Empathie bedeutet: „Ich sehe, dass du traurig bist.“

Überverantwortung bedeutet: „Du bist traurig, also muss ich etwas tun, damit du wieder glücklich bist.“

Dieser Unterschied ist entscheidend.

Ein Kind darf wissen, dass Mama traurig ist. Aber es sollte gleichzeitig erleben:

Mama kann mit ihrer Traurigkeit umgehen.

Mama hat andere Erwachsene, mit denen sie sprechen kann.

Mama kümmert sich um sich selbst.

Ich darf trotzdem spielen, lachen und Kind sein.

Das vermittelt Sicherheit.

Eltern müssen ihre Gefühle nicht vor Kindern verstecken

Die Lösung besteht nicht darin, Kindern eine perfekte Welt vorzuspielen. Kinder merken ohnehin, wenn etwas nicht stimmt.

Ein Elternteil darf sagen: „Ich bin heute traurig.“

Oder: „Ich hatte einen schwierigen Tag.“

Entscheidend ist, was danach kommt. Ein beruhigender Zusatz kann sein: „Aber das ist nicht deine Verantwortung. Ich kümmere mich darum.“

Damit bekommt das Kind zwei wichtige Botschaften gleichzeitig: Gefühle dürfen existieren. Und ich muss die Gefühle meiner Eltern nicht tragen.

Erwachsene dürfen lernen, die Verantwortung zurückzugeben

Wer als Kind ständig auf andere achten musste, kann später lernen, wieder stärker auf sich selbst zu hören.

Eine einfache Frage kann dabei überraschend schwierig sein:

Was fühle ich gerade?

Nicht: Was fühlt mein Partner?

Nicht: Warum ist meine Mutter enttäuscht?

Nicht: Wie kann ich verhindern, dass jemand wütend wird?

Sondern:

Was passiert gerade in mir?

Vielleicht ist da Ärger.

Vielleicht Müdigkeit.

Vielleicht Angst.

Vielleicht der Wunsch nach Abstand.

Vielleicht ein Nein.

Diese Gefühle müssen nicht erst von anderen genehmigt werden.

Auch die Enttäuschung eines anderen Menschen bedeutet nicht automatisch, dass du etwas falsch gemacht hast.

Deine Mutter kann traurig über deine Entscheidung sein – und deine Entscheidung kann trotzdem richtig für dich sein.

Dein Vater kann enttäuscht sein – und du darfst trotzdem eine Grenze setzen.

Ein Partner kann schlechte Laune haben – und du musst sie nicht reparieren.

Ein Kind sollte Kind sein dürfen

Kinder können sehr mitfühlend sein. Sie können erstaunlich viel wahrnehmen und manchmal mehr verstehen, als Erwachsene ihnen zutrauen.

Aber genau deshalb brauchen sie eine wichtige Grenze: Die Gefühle der Erwachsenen gehören grundsätzlich in die Verantwortung der Erwachsenen.

Ein Kind darf Mama umarmen, wenn sie traurig ist. Aber es sollte nicht glauben, dass Mamas Glück von ihm abhängt.

Es darf merken, dass Papa einen schwierigen Tag hat. Aber es sollte nicht den ganzen Abend damit verbringen, seine Stimmung zu überwachen.

Es darf seine Eltern lieben. Aber es muss sie nicht emotional retten.

Denn ein Kind braucht Raum, um etwas kennenzulernen, das für seine Entwicklung mindestens genauso wichtig ist wie Empathie für andere: seine eigene innere Welt.

Es muss lernen dürfen zu sagen:

Ich bin traurig.

Ich bin wütend.

Ich habe Angst.

Ich brauche etwas.

Ich möchte das nicht.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern: dem Kind zu zeigen, dass es die Gefühle anderer wahrnehmen darf, ohne sie übernehmen zu müssen.

Denn ein Kind sollte nicht zuerst lernen, alle anderen zu lesen. Es sollte auch lernen dürfen, sich selbst zu verstehen.

Quellen

  • Jonice Webb – Running on Empty: Overcome Your Childhood Emotional Neglect
    Eine passende Quelle zum Thema emotionale Vernachlässigung und dazu, wie Menschen später Schwierigkeiten haben können, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen.
  • Susan Forward – Emotional Blackmail
    Hilfreich zum Verständnis von Schuld, Angst und emotionalem Druck in engen Beziehungen sowie der Schwierigkeit, sich von den Erwartungen anderer abzugrenzen.
  • Daniel J. Siegel & Tina Payne Bryson – The Whole-Brain Child
    Beschäftigt sich mit der emotionalen Entwicklung von Kindern und damit, wie Eltern Kinder dabei unterstützen können, Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu regulieren.
  • John Gottman & Joan DeClaire – Raising an Emotionally Intelligent Child
    Besonders passend für die Frage, wie Kinder lernen, eigene Emotionen zu erkennen, zu benennen und mit ihnen umzugehen.