Gefühlsstarkes Kind: Was in Wutmomenten wirklich hilft
Manche Kinder werden nicht einfach nur ein bisschen wütend. Ihre Wut kommt mit voller Kraft. Gerade eben war noch alles in Ordnung, und plötzlich wird geweint, geschrien, mit den Füßen gestampft oder die Tür zugeschlagen. Vielleicht war der Auslöser für die Eltern kaum der Rede wert: Der Lieblingspullover ist in der Wäsche, das Kind darf nicht noch länger fernsehen, das Eis ist heruntergefallen oder es ist Zeit, den Spielplatz zu verlassen.
Für Mutter oder Vater ist es dann manchmal schwer zu verstehen, warum aus einer solchen Kleinigkeit ein so großer Sturm entstehen kann. Man erklärt, argumentiert, droht vielleicht irgendwann mit Konsequenzen und fragt verzweifelt: „Warum machst du wegen so etwas ein solches Theater?“
Doch genau in diesem Moment erlebt das Kind keine Kleinigkeit. Für das Kind ist das Gefühl gerade groß und real. Und bevor wir ihm beibringen können, anders damit umzugehen, müssen wir verstehen, dass ein Kind Selbstregulation nicht einfach besitzt. Es entwickelt sie nach und nach.
Ein gefühlsstarkes Kind will die Eltern nicht absichtlich ärgern
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Unterschiede.
Wenn ein Kind nach einem Nein sofort explodiert, wirkt es schnell so, als wolle es seinen Willen durchsetzen. Manchmal versucht ein Kind natürlich tatsächlich, Grenzen auszutesten. Trotzdem steckt hinter heftigen Reaktionen häufig nicht nur Trotz.
Vielleicht hat es sich den ganzen Vormittag in der Schule zusammengerissen. Es musste zuhören, warten, teilen, Regeln beachten und mit vielen Geräuschen und Menschen zurechtkommen. Zu Hause fällt dann eine Kleinigkeit anders aus als erwartet – und plötzlich ist die Kraft zum Zusammenreißen aufgebraucht.
Deshalb erleben manche Eltern ein merkwürdiges Phänomen: In Kindergarten oder Schule heißt es, ihr Kind sei freundlich und unkompliziert. Zu Hause scheint dagegen alles herauszubrechen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass zu Hause etwas falsch läuft. Manchmal ist Zuhause gerade der Ort, an dem das Kind die Anspannung nicht länger halten kann.
Hinter „Ich will!“ steckt manchmal „Ich kann gerade nicht mehr“
Stell dir vor, dein Kind möchte noch zehn Minuten spielen.
Du sagst: „Wir müssen jetzt los.“
Das Kind schreit:
„Nein!“
Du erklärst:
„Wir haben einen Termin.“
Das Kind wird lauter.
„Ich gehe nicht!“
Nun denkt der Erwachsene möglicherweise: Es muss lernen, dass sich nicht alles nach ihm richtet.
Das stimmt grundsätzlich. Kinder brauchen Grenzen.
Aber vielleicht braucht dieses Kind in diesem Augenblick nicht noch mehr Argumente. Vielleicht braucht es Hilfe beim Übergang von etwas Schönem zu etwas, das es gerade nicht möchte.
Manchmal hilft deshalb eine Vorbereitung:
„Noch zehn Minuten.“
Später:
„Noch fünf Minuten, dann gehen wir.“
Und schließlich:
„Jetzt ist es Zeit. Möchtest du selbst deine Jacke holen oder soll ich sie dir bringen?“
Die Grenze bleibt dieselbe. Aber das Kind bekommt etwas Zeit, sich innerlich auf die Veränderung einzustellen.
Wenn die Wut da ist, ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Erziehungsrede
Genau hier geraten viele Konflikte außer Kontrolle. Das Kind schreit und der Erwachsene beginnt zu erklären:
„Du kannst nicht jedes Mal so reagieren. Du bist doch schon groß. Andere Kinder schaffen das auch. Wenn du dich weiterhin so benimmst, dann…“
Doch ein Kind, das emotional bereits völlig aufgewühlt ist, kann einen langen Vortrag kaum sinnvoll verarbeiten.
Deshalb gilt in solchen Situationen häufig: weniger reden, klarer handeln.
„Du bist sehr wütend.“
„Das Nein bleibt.“
„Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst.“
Mehr braucht es manchmal zunächst nicht.
Über das Verhalten kann später gesprochen werden, wenn das Kind wieder erreichbar ist.
Gefühle akzeptieren heißt nicht, schlechtes Verhalten zu akzeptieren
Dieser Punkt ist besonders wichtig. Ein Kind darf wütend darüber sein, dass es kein zweites Eis bekommt.
Es bekommt deshalb trotzdem kein zweites Eis.
Es darf enttäuscht sein, dass die Bildschirmzeit vorbei ist.
Der Fernseher bleibt trotzdem aus.
Es darf wütend auf seinen Bruder sein.
Es darf ihn trotzdem nicht schlagen.
Eltern müssen sich also nicht zwischen Verständnis und Konsequenz entscheiden. Beides kann gleichzeitig existieren. „Ich verstehe, dass du wütend bist. Aber ich lasse nicht zu, dass du Dinge wirfst.“
Damit lernt das Kind etwas Entscheidendes: Alle Gefühle sind erlaubt, aber nicht jedes Verhalten ist erlaubt.
Ein wütendes Kind braucht keine Gegenwut
Natürlich klingt das in der Theorie einfacher als im Familienalltag.
Wenn ein Kind schreit, provoziert oder zum fünften Mal dieselbe Grenze überschreitet, kann auch der Erwachsene die Geduld verlieren.
Dann ruft das Kind: „Du bist gemein!“
Und der Elternteil antwortet: Jetzt reicht es mir aber mit dir!“
Aus der Wut des Kindes wird ein Kampf zwischen zwei Menschen.
Gerade deshalb ist es hilfreich, wenn Erwachsene ihre eigene Erregung bemerken. Vielleicht muss man bewusst langsamer sprechen. Vielleicht hilft ein Schritt zurück oder ein kurzer Moment, bevor man antwortet.
Nicht weil Eltern immer vollkommen ruhig sein müssen.
Sondern weil ein Kind in diesem Augenblick jemanden braucht, der nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer gießt.
Manche Kinder wollen in der Wut nicht umarmt werden
„Komm her, ich nehme dich in den Arm“ kann wunderschön sein – wenn das Kind es möchte. Doch nicht jedes Kind möchte während eines Wutanfalls berührt werden.
Manche schreien: „Lass mich!“
Dann sollte Nähe nicht erzwungen werden.
Man kann stattdessen sagen: „Okay. Ich bleibe hier.“
Das vermittelt etwas sehr Wichtiges: Ich respektiere deine Grenze und verschwinde trotzdem nicht emotional aus deinem Leben.
Andere Kinder suchen gerade in diesen Momenten starken Körperkontakt. Sie wollen auf den Schoß, gehalten werden oder sich an Mama oder Papa drücken.
Eltern dürfen beobachten, welche Art von Unterstützung ihr eigenes Kind beruhigt. Es gibt keine Methode, die für jedes Kind gleich funktioniert.
Manchmal beginnt der Wutanfall Stunden vorher
Ein Kind explodiert wegen einer zerbrochenen Banane. Natürlich liegt das Problem nicht wirklich in der Banane.
Vielleicht hat es schlecht geschlafen. Das Frühstück wurde hektisch gegessen. Im Kindergarten gab es Streit. Danach musste es einkaufen gehen. Es hatte Hunger und war müde.
Dann bricht die Banane auseinander.
Für den Erwachsenen ist das nichts.
Für das Kind ist es der letzte Tropfen.
Deshalb lohnt es sich, nicht nur einzelne Wutanfälle zu betrachten, sondern Muster zu suchen.
Wann passiert es besonders häufig?
Nach Kindergarten oder Schule? Vor dem Abendessen? Wenn das Kind müde ist? Nach langer Bildschirmzeit? Bei Zeitdruck? Bei überraschenden Veränderungen?
Manchmal können kleine Veränderungen im Tagesablauf mehr bewirken als jede Konsequenz nach einem Wutanfall.
Nicht jede Wut braucht sofort eine Lösung
Eltern haben oft den verständlichen Wunsch, das unangenehme Gefühl ihres Kindes möglichst schnell zu beenden.
„Komm, ist doch nicht schlimm.“
„Jetzt hör auf zu weinen.“
„Schau mal, ich gebe dir etwas anderes.“
Aber Kinder dürfen manchmal auch einfach enttäuscht sein.
Wenn das Lieblingseis ausverkauft ist, muss Mama nicht sofort etwas finden, damit das Kind wieder glücklich ist.
Sie kann sagen: „Du hast dich richtig darauf gefreut. Jetzt bist du enttäuscht.“
Und die Enttäuschung einen Moment stehen lassen. Das ist ebenfalls emotionale Entwicklung.
Das Kind erlebt: Etwas läuft nicht so, wie ich es wollte. Das fühlt sich schlecht an. Aber dieses Gefühl geht wieder vorbei.
Erst nach der Wut beginnt das eigentliche Lernen
Wenn der Sturm vorbei ist, entsteht ein viel besserer Zeitpunkt für Erziehung. Nicht als Verhör: „Warum hast du dich schon wieder so aufgeführt?“
Sondern als gemeinsamer Rückblick. „Vorhin warst du richtig wütend. Was war los?“
Vielleicht weiß das Kind es selbst nicht.
Dann können Eltern helfen:
„Warst du schon müde?“
„Hat dich etwas in der Schule geärgert?“
„War es schwer für dich, mit dem Spielen aufzuhören?“
Nach und nach lernt das Kind, seine inneren Zustände zu erkennen.
Vielleicht kann es irgendwann selbst sagen:
„Ich bin gerade zu müde.“
Oder:
„Ich brauche kurz Ruhe.“
Das ist ein großer Entwicklungsschritt.
Ein Kind braucht Wörter für das, was in ihm passiert
Viele Kinder kennen zunächst nur wenige Begriffe für Gefühle.
Gut.
Schlecht.
Traurig.
Wütend.
Dabei kann hinter Wut sehr Unterschiedliches stecken.
„Ich bin wütend!“ kann eigentlich bedeuten:
Ich bin enttäuscht.
Ich bin eifersüchtig.
Ich fühle mich ausgeschlossen.
Ich schäme mich.
Ich hatte Angst.
Ich finde etwas unfair.
Je besser Kinder lernen, diese Unterschiede wahrzunehmen, desto eher können sie irgendwann sagen, was sie brauchen, statt alles über Verhalten auszudrücken.
Eltern können dabei helfen, ohne jedes Gefühl des Kindes sofort zu interpretieren. „Ich frage mich, ob du vielleicht enttäuscht warst.“
Das lässt dem Kind Raum, selbst herauszufinden, was stimmt.
Nach einem Fehler braucht ein Kind Verantwortung, aber keine Beschämung
Hat ein Kind im Wutanfall etwas kaputt gemacht, jemanden beleidigt oder ein Geschwisterkind verletzt, sollte die Sache nicht einfach vergessen werden.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen Verantwortung und Beschämung.
„Du bist unmöglich“ greift das Kind als Person an.
„Es war nicht in Ordnung, deinen Bruder zu schlagen“ benennt das Verhalten.
Vielleicht muss sich das Kind später entschuldigen. Vielleicht kann es beim Aufräumen helfen oder gemeinsam überlegen, wie etwas wiedergutgemacht werden kann.
So lernt es: Meine Handlungen haben Konsequenzen. Aber es lernt nicht: Wenn ich einen Fehler mache, bin ich schlecht.
Eltern müssen ebenfalls nicht perfekt reagieren
Auch die geduldigste Mutter wird irgendwann laut. Auch der ruhigste Vater sagt einmal etwas, das ihm später leidtut.
Entscheidend ist auch hier, was danach geschieht.
Ein Elternteil kann sagen: „Ich war vorhin selbst sehr wütend und habe geschrien. Das war nicht richtig. Ich hätte anders mit dir sprechen sollen.“
Damit verliert ein Erwachsener nicht seine Autorität.
Im Gegenteil.
Das Kind erlebt unmittelbar, wie man mit einem eigenen Fehler umgehen kann: nicht leugnen, nicht die Schuld auf andere schieben, sondern Verantwortung übernehmen und es beim nächsten Mal erneut versuchen.
Das Ziel ist nicht ein Kind, das niemals wütend wird
Vielleicht liegt hier das größte Missverständnis.
Ein gut begleitetes Kind ist nicht das Kind, das niemals schreit, niemals enttäuscht ist und jede Grenze lächelnd akzeptiert.
Wut gehört zum Leben. Auch Erwachsene werden wütend.
Das Ziel besteht darin, dass ein Kind mit zunehmendem Alter immer besser erkennt: Ich werde gerade wütend. Was kann ich jetzt tun, ohne mich selbst oder andere zu verletzen?
Dafür braucht es Zeit, Wiederholung und Erwachsene, die Grenzen setzen, ohne das Kind für seine Gefühle abzulehnen.
Ein gefühlsstarkes Kind muss nicht lernen, weniger zu fühlen.
Es muss lernen, mit dem, was es fühlt, sicher umzugehen.
Und vielleicht ist die wichtigste Erfahrung in einem Wutmoment deshalb gar kein perfekter Satz und keine besondere Erziehungsmethode.
Es ist die Erfahrung:
„Ich darf wütend sein. Mama und Papa lassen nicht alles zu, was ich in meiner Wut tun möchte. Aber sie bleiben da. Meine Wut verändert ihre Grenze – und sie verändert auch ihre Liebe zu mir nicht.“
Quellen
- Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut. Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten. Kösel Verlag. Besonders passend zum Thema Gefühlsstärke, intensive Emotionen, Wut und elterliche Begleitung. Nora Imlau
- Nora Imlau: Du bist anders, du bist gut. Gefühlsstarke Kinder beim Großwerden begleiten. Ein weiterführender Ratgeber über die Begleitung gefühlsstarker Kinder und die Entwicklung ihrer Selbstregulation. Nora Imlau
- Daniel J. Siegel & Tina Payne Bryson: Achtsame Kommunikation mit Kindern. Zwölf revolutionäre Strategien aus der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes. Arbor Verlag. Das Buch erklärt unter anderem, warum Kinder in starken Gefühlsmomenten anders reagieren und wie Eltern sie dabei begleiten können. Arbor Verlag





