Die Tochter ohne Geborgenheit und Wärme
Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl.
Ich war oft ein verängstigtes Kind. Nicht, weil ständig etwas Schlimmes passierte, sondern weil ich mich mit meinen Ängsten allein fühlte. Wenn andere Kinder nach Hause liefen und wussten, dass ihre Mutter sie in den Arm nehmen würde, wusste ich nie, was mich erwartete.
Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass meine Mutter mich ansieht, mich festhält und mit ihrer ruhigen Stimme sagt: „Alles wird gut.“
Ich hätte mir gewünscht, dass mein Vater mich in den Arm nimmt und sagt: „Du schaffst das. Ich glaube an dich.“
Doch diese Worte blieben aus. Also lernte ich schon früh, meine Angst allein auszuhalten.
Damals wusste ich noch nicht, dass genau diese fehlende Geborgenheit mein ganzes Leben prägen würde.
Wenn Trost fehlt, sucht ein Kind ihn überall
Ein Kind hört nicht auf, Trost zu brauchen, nur weil ihn niemand gibt. Es beginnt lediglich, ihn woanders zu suchen. Auch ich tat das.
Ich suchte Menschen, die mich endlich sehen würden. Menschen, die mir das Gefühl geben sollten, wertvoll zu sein. Ich glaubte jedem, der freundlich zu mir war. Schon ein paar liebe Worte reichten aus, damit ich mich sicher fühlte.
Heute weiß ich, warum.
Ich suchte nicht nach Bewunderung.
Ich suchte nach dem Gefühl, das ich als Kind nie kennengelernt hatte.
Geborgenheit.
Ich glaubte jedem Menschen, der nett zu mir war
Weil ich nie gelernt hatte, wie sich echte emotionale Sicherheit anfühlt, konnte ich nur schwer unterscheiden, wer es ehrlich mit mir meinte.
Menschen, die mir Aufmerksamkeit schenkten, bekamen schnell mein Vertrauen. Ich erzählte ihnen Dinge, die ich eigentlich nur Menschen erzählen sollte, die mich wirklich kannten.
Ich hoffte jedes Mal, endlich angekommen zu sein. Doch viele dieser Menschen verletzten mich.
Manche nutzten meine Gutmütigkeit aus. Andere verschwanden wieder aus meinem Leben. Und jedes Mal tat es genauso weh wie früher.
Ich dachte immer, mit mir stimmt etwas nicht
Als Kind hinterfragt man seine Eltern selten. Man hinterfragt sich selbst. Ich fragte mich oft, warum ich nicht wichtig genug war.
Warum andere Kinder getröstet wurden. Warum ich immer das Gefühl hatte, stark sein zu müssen.
Ich gab mir selbst die Schuld für etwas, das ich gar nicht verursacht hatte. Heute weiß ich, dass kein Kind zu wenig liebenswert ist.
Kinder brauchen Nähe.
Sie brauchen Sicherheit.
Sie brauchen Menschen, die ihre Angst kleiner machen – nicht größer.
Ich lernte zu funktionieren
Mit den Jahren wurde ich immer unabhängiger. Zumindest glaubten das die anderen.
Ich erledigte meine Aufgaben.
Ich bat selten um Hilfe.
Ich sagte oft: „Alles ist in Ordnung.“ Dabei war längst nicht alles in Ordnung.
Ich hatte nur gelernt, niemandem mehr zu zeigen, wie es wirklich in mir aussah. Denn tief in mir lebte die Angst, wieder enttäuscht zu werden.
Warum fehlende Geborgenheit so tiefe Spuren hinterlassen kann
Heute verstehe ich, dass Geborgenheit viel mehr ist als eine Umarmung. Sie ist das Gefühl, einen sicheren Hafen zu haben.
- Ein Ort, an dem man Fehler machen darf.
- Ein Ort, an dem Tränen erlaubt sind.
- Ein Ort, an dem niemand sagt: „Stell dich nicht so an.“
Fehlt dieser sichere Hafen, entwickelt ein Kind eigene Strategien, um zu überleben. Manche werden besonders still. Andere versuchen, perfekt zu sein. Wieder andere suchen ihr ganzes Leben nach Menschen, die die Leere füllen sollen.
Ich suchte Liebe – und fand oft Schmerz
Später glaubte ich oft, endlich den richtigen Menschen gefunden zu haben. Schon wenn mich jemand aufmerksam ansah oder mir sagte, wie besonders ich sei, öffnete ich mein Herz.
Ich wollte glauben.
Ich wollte vertrauen.
Ich wollte endlich ankommen.
Doch genau diese Sehnsucht machte mich verletzlich.
Ich hielt zu lange an Menschen fest, die mir nicht guttutaten.
Ich entschuldigte Verhalten, das ich niemals hätte entschuldigen müssen.
Nicht weil ich schwach war. Sondern weil ich so sehr hoffte, endlich die Wärme zu finden, nach der ich mich als Kind gesehnt hatte.
Der wichtigste Satz meines Lebens
Irgendwann verstand ich etwas, das alles veränderte. Ich musste nicht länger darauf warten, dass jemand die leeren Stellen meiner Kindheit füllt.
Ich durfte anfangen, mich selbst ernst zu nehmen.
Meine Gefühle.
Meine Grenzen.
Meine Bedürfnisse.
Zum ersten Mal sagte ich mir selbst die Worte, die ich als Kind so dringend gebraucht hätte:
„Du bist nicht allein.“
„Du bist gut, so wie du bist.“
„Du musst dir Liebe nicht verdienen.“
Heute weiß ich, was Geborgenheit wirklich bedeutet
Manchmal wünsche ich mir noch immer, ich hätte als kleines Mädchen öfter eine Umarmung bekommen. Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich mehr Wärme und Sicherheit erlebt hätte.
Doch ich bleibe nicht mehr in dieser Frage stehen.
Ich habe verstanden, dass meine Vergangenheit erklärt, warum ich so lange nach Liebe gesucht habe. Aber sie bestimmt nicht, wie meine Zukunft aussehen muss.
Heute suche ich keine Menschen mehr, die meine Wunden heilen sollen. Ich suche Menschen, bei denen ich ich selbst sein darf. Menschen, die bleiben, wenn ich Angst habe. Menschen, die zuhören, ohne zu urteilen.
Und manchmal denke ich an das kleine Mädchen von damals. Ich würde es in den Arm nehmen und ihm genau das sagen, was es so viele Jahre vermisst hat:
„Hab keine Angst. Du bist nicht zu empfindlich. Du bist nicht zu viel. Du bist liebenswert. Und eines Tages wirst du Menschen finden, die dich nicht verletzen, sondern dir das geben, wonach du dich dein ganzes Leben gesehnt hast – Geborgenheit.“





