Die Tochter, die immer in fremde Rollen schlüpfte

Frühe Kindheit und Unsichtbare Gefühle
Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit, auch wenn vieles davon wie durch einen Nebel verschwommen ist.
Schon früh spürte ich, dass meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht wirklich Platz hatten. Meine Mutter war eine komplexe Frau, deren eigene Unsicherheiten und alte Verletzungen oft unsere Beziehung bestimmten.
Ich liebte sie, doch gleichzeitig fürchtete ich ihre Reaktionen – und so begann ich sehr früh, mich anzupassen.
Ich wurde zur Schauspielerin in meinem eigenen Leben. Zu Hause war ich die „gute Tochter“, die aufpasste, niemandem wehtat und die Stimmungen der Eltern ausglich.
Wenn meine Mutter traurig oder gereizt war, spürte ich sofort die Verantwortung, sie zu trösten, ihre Launen zu regulieren.
Ich lernte, meine eigenen Gefühle zu unterdrücken, weil sie scheinbar nie die gleiche Aufmerksamkeit erhielten wie die Gefühle meiner Mutter.
Rollen im Alltag
In der Schule war ich die „perfekte Schülerin“, die Komplimente einheimste, alles richtig machte und Konflikte vermied.
Ich wollte gefallen, wollte gesehen werden, aber nie so, wie ich wirklich war. Mit Freunden spielte ich oft die „lustige, unkomplizierte“ Rolle, die immer bereit war, Harmonie zu schaffen. Ich merkte gar nicht, dass ich mich selbst immer mehr verlor. Ich war nie einfach nur ich. Immer trug ich Masken.
Es gab Momente, in denen ich mich fragte: Wer bin ich eigentlich? Wenn niemand zusieht, wenn keine Erwartungen gestellt werden – welche Gefühle gehören wirklich mir? Diese Fragen konnte ich lange nicht beantworten. Ich fühlte mich oft leer, obwohl äußerlich alles perfekt schien.
Der Weg zur Selbstwahrnehmung
Als junge Erwachsene begann ich, diese Muster zu erkennen. Gespräche mit Menschen, die echte Nähe zuließen, halfen mir, mich selbst wahrzunehmen.
Ich lernte langsam, dass mein Wert nicht davon abhängt, wie gut ich andere spiegelte oder wie sehr ich funktionierte.
Ich begann kleine Schritte zu machen, um einfach ich selbst zu sein. Es war schwer und ungewohnt. Immer wieder spürte ich Schuldgefühle und Unsicherheiten, als würde ich alte Rollen nicht vollständig ablegen können.
Ich erkannte schließlich, dass all die Rollen, die ich gespielt hatte, mir zwar das Überleben erleichtert hatten, aber gleichzeitig meine Authentizität erstickten.
Ich begann bewusst zu entscheiden, wann ich eine Rolle wähle und wann ich meine eigenen Gefühle ausdrücke. Ich lernte, „Nein“ zu sagen und meine eigenen Grenzen zu achten. Schritt für Schritt wuchs ein Gefühl von innerer Sicherheit, das nicht von der Bestätigung anderer abhängig war.

Heute: Bewusstes Ich-Sein
Heute arbeite ich daran, meine Masken abzulegen. Ich übe, meine wahren Gefühle zu zeigen, auch wenn es manchmal Unsicherheit oder Ablehnung auslöst.
Ich lerne, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist, sondern Ausdruck von Mut und Selbstrespekt. Ich habe erkannt, dass die Rollen, die ich früher aus Notwendigkeit gespielt habe, nicht falsch waren – sie haben mir geholfen, zu überleben. Aber jetzt kann ich bewusst wählen, wer ich sein will.
Es ist ein langsamer Prozess. Alte Muster tauchen immer wieder auf – im Beruf, in Freundschaften, in Beziehungen.
Doch ich kann sie beobachten, erkennen und bewusst anders handeln. Ich beginne zu verstehen, dass ich mich selbst als wichtigste Person in meinem Leben sehen darf. Ich lerne, dass ich wertvoll bin, auch ohne die Zustimmung anderer, und dass meine eigenen Wünsche und Gefühle zählen.
Die Tochter, die immer in fremde Rollen schlüpfte, ist nicht mehr vollständig verschwunden. Sie ist immer noch da, aber jetzt kann ich sie bewusst lenken. Ich kann entscheiden, wann ich eine Rolle wähle und wann ich einfach nur ich selbst bin. Dieses Bewusstsein gibt mir Freiheit – eine Freiheit, die ich als Kind nie kannte. Es ist eine langsame, aber befreiende Reise, die mich näher zu mir selbst bringt.
Quellen
- Stefanie Stahl – Das Kind in dir muss Heimat finden
- Nora Imlau – Die Mutter, die ich sein will
- Udo Baer – Trauma heilen



