Distanzierte Mutter: Nebeneinander leben, aber nicht miteinander

Distanzierte Mutter Nebeneinander leben, aber nicht miteinander

Es gibt Mütter, bei denen man sich als Tochter sein ganzes Leben fragt: Warum können wir eigentlich nicht einfach miteinander?

Nicht unbedingt, weil etwas Schreckliches passiert ist. Nicht weil kein Kontakt besteht. Und vielleicht nicht einmal, weil keine Liebe vorhanden ist.


Man kann sich lieben und sich trotzdem ständig missverstehen.

Man kann im selben Haus wohnen und sich innerlich fremd sein.

Man kann später getrennt leben, sich regelmäßig besuchen und schon auf dem Weg zur Mutter merken, wie sich innerlich etwas anspannt.

Denn man weiß nie genau, wie der heutige Besuch enden wird.

Vielleicht ganz normal.

Vielleicht mit einem falschen Satz.


Vielleicht mit einem Streit.

Oder wieder mit diesem Gefühl auf dem Heimweg: „Warum versteht meine eigene Mutter mich so wenig?“


Wie ist eine distanzierte Mutter?

Eine distanzierte Mutter ist häufig nicht die Mutter, die überhaupt nichts für ihr Kind tut. Ganz im Gegenteil.

Vielleicht hat sie jahrelang für ihre Familie gearbeitet. Sie hat gekocht, geputzt, gespart, organisiert und dafür gesorgt, dass ihre Kinder alles Notwendige hatten. Aber wenn es um Gefühle ging, wurde es schwierig.

Vielleicht konnte sie mit deiner Traurigkeit wenig anfangen.

Vielleicht machte sie aus deinen Sorgen sofort ein praktisches Problem, das gelöst werden musste.

Oder sie reagierte gereizt: „Du machst dir immer viel zu viele Gedanken.“

Vielleicht war sie auch eine Mutter, bei der man nie genau wusste, welche Version einem heute begegnen würde.

Mal war sie freundlich.

Mal kühl.

Mal interessiert.

Mal genervt.

Und irgendwann begannst du, dich ihrer Stimmung anzupassen.

Nicht alles erzählen.

Nicht jedes Thema ansprechen.

Nicht jede Meinung sagen.

Hauptsache, es gibt keinen Streit.

So entsteht Distanz manchmal mitten in einer Familie.

Man lebt zusammen, aber jeder lebt für sich

Vielleicht erinnerst du dich an eure Wohnung von früher. Ihr wart alle dort. Aber wirkliche Gespräche gab es kaum.

Jeder hatte seine Aufgaben, seine Sorgen und seine Gewohnheiten.

Man fragte:

„Hast du gegessen?“

„Wann kommst du nach Hause?“

„Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“

Doch Fragen wie:

„Bist du glücklich?“

„Was beschäftigt dich?“

„Gibt es etwas, das dir Angst macht?“ waren vielleicht selten. Und irgendwann hast du dich daran gewöhnt.

Du hast deine Probleme selbst gelöst. Deine Geheimnisse anderen erzählt.

Deine Tränen vielleicht sogar versteckt. Nicht unbedingt, weil deine Mutter dich nicht liebte. Sondern weil zwischen euch nie diese Selbstverständlichkeit entstand, mit allem zueinander kommen zu können.

Später zieht man aus – aber die alte Beziehung zieht mit

Man könnte glauben, dass alles leichter wird, wenn man nicht mehr zusammenwohnt.

Manchmal stimmt das sogar.

Mit etwas Abstand gibt es weniger Streit.

Doch dann kommt der nächste Besuch.

Du sitzt wieder an ihrem Tisch.

Und plötzlich bist du nicht mehr die erwachsene Frau, die ihr eigenes Leben führt.

Ein einziger Satz reicht. „Das würde ich aber anders machen.“

Und schon möchtest du dich verteidigen. „Du musst dich doch nicht gleich aufregen“, sagt sie.

Und genau dieser Satz macht dich noch wütender.

Denn du denkst: Sie macht das schon mein ganzes Leben. Erst sagt sie etwas Verletzendes und dann bin ich diejenige, die übertreibt.

Deine Mutter wiederum denkt vielleicht: Warum reagiert sie auf alles, was ich sage, so empfindlich?

Und wieder geht ihr auseinander, ohne dass eine verstanden hat, was in der anderen eigentlich passiert ist.

Das Schlimmste ist manchmal nicht der Streit, sondern die ständige Spannung

Du möchtest deine Mutter besuchen und dich dabei wohlfühlen. Doch vielleicht bist du schon vorher angespannt.

Was wird sie heute kritisieren?

Kommt wieder dieses alte Thema?

Wird sie wieder etwas über deinen Partner sagen?

Über deine Kinder?

Über dein Aussehen?

Über deine Entscheidungen?

Deshalb bereitest du dich innerlich vor.

Du nimmst dir vor, ruhig zu bleiben.

Bestimmte Dinge gar nicht erst anzusprechen.

Nicht auf jede Bemerkung zu reagieren. Und wenn du später nach Hause kommst, bist du erschöpft. Das ist das Merkwürdige an solchen Beziehungen:

Es muss gar kein großer Streit stattfinden. Schon das ständige Aufpassen kann müde machen.

Vielleicht seid ihr euch ähnlicher, als ihr glaubt

Manchmal liegt zwischen Mutter und Tochter nicht nur Distanz, sondern auch Ähnlichkeit.

Beide sind stolz.

Beide wollen nicht nachgeben.

Beide fühlen sich schnell missverstanden.

Beide warten darauf, dass die andere den ersten Schritt macht.

Die Mutter denkt:

Warum ruft sie mich nicht öfter an?

Die Tochter denkt:

Warum ruft sie nicht einmal an und fragt wirklich nach mir?

Die Mutter fühlt sich zurückgewiesen.

Die Tochter fühlt sich nicht gesehen.

Und keine sagt, was eigentlich darunterliegt: „Ich wünsche mir, dass wir uns näher wären.“

Stattdessen entstehen Vorwürfe.

„Du meldest dich nie.“

„Du interessierst dich doch sowieso nicht.“

Und aus Sehnsucht wird Streit.

Irgendwann musst du aufhören, eine andere Mutter aus ihr machen zu wollen

Das ist vielleicht einer der schwersten Punkte. Du hast möglicherweise jahrelang gedacht:

Wenn ich ihr nur richtig erkläre, was mich verletzt, wird sie mich verstehen. Also hast du erklärt.

Einmal.

Zehnmal.

Vielleicht hundertmal.

Doch manche Gespräche endeten immer gleich.

Irgendwann darfst du dich fragen:

Muss ich wirklich noch einmal versuchen, ihr etwas zu erklären, das sie bisher nicht verstehen konnte oder wollte?

Manchmal entsteht Frieden erst, wenn wir aufhören, einen Menschen ständig verändern zu wollen.

Deine Mutter ist vielleicht emotional distanzierter als du.

Vielleicht wird sie nie gerne über Gefühle sprechen.

Vielleicht wird sie sich niemals für alles entschuldigen.

Vielleicht wird sie bestimmte Situationen aus deiner Kindheit völlig anders erinnern.

Du kannst dein ganzes Leben dagegen kämpfen.

Oder du kannst irgendwann sagen: „Das ist meine Mutter. Sie ist, wie sie ist. Und jetzt muss ich herausfinden, wie ich mit ihr leben kann, ohne mich dabei selbst zu verlieren.“

Und wie vergibt man einer solchen Mutter?

Vielleicht gar nicht auf einmal.

Vielleicht ist Vergebung kein großer Moment, in dem plötzlich alles verschwunden ist.

Vielleicht geschieht sie in kleinen Entscheidungen.

Du hörst auf, nach jedem Treffen drei Tage über ihre Worte nachzudenken.

Du hörst auf, dir vorzustellen, welches Gespräch endlich alles verändern könnte.

Du akzeptierst, dass manche Fragen unbeantwortet bleiben.

Und vor allem hörst du auf, dir selbst die Schuld dafür zu geben, welche Mutter du bekommen hast.

Du hast dir deine Kindheit nicht ausgesucht.

Du hast als Kind nicht entschieden, wie viel Nähe in eurer Familie möglich war.

Und du musst heute nicht dein ganzes Leben damit verbringen, diese Vergangenheit zu reparieren.

20 Dinge, die du dir selbst vergeben darfst

  1. Vergib dir, dass du dir manchmal eine andere Mutter gewünscht hast.
  2. Vergib dir, dass du neidisch auf Menschen warst, die eine enge Beziehung zu ihrer Mutter haben.
  3. Vergib dir, dass du manche Dinge lieber Freunden als ihr erzählst.
  4. Vergib dir, dass du manchmal keine Lust auf einen Besuch hast.
  5. Vergib dir, dass du nach einem Treffen erleichtert sein kannst, wieder allein zu sein.
  6. Vergib dir, dass du wütend geworden bist.
  7. Vergib dir, dass du Dinge gesagt hast, die aus jahrelanger Verletzung entstanden sind.
  8. Vergib dir, dass du ihre Anerkennung lange gesucht hast.
  9. Vergib dir, dass du immer wieder gehofft hast, sie würde sich verändern.
  10. Vergib dir, dass du Grenzen brauchst.
  11. Vergib dir, dass du nicht jedes Familienproblem lösen kannst.
  12. Vergib dir, dass du nicht immer Verständnis für ihre Vergangenheit aufbringen möchtest.
  13. Vergib dir, dass manche Erinnerungen noch wehtun.
  14. Vergib dir, dass du ihre Meinung heute nicht mehr über deine Entscheidungen stellen möchtest.
  15. Vergib dir, dass du Nein sagst.
  16. Vergib dir, dass du nicht jede Kritik still hinnimmst.
  17. Vergib dir, dass du dein eigenes Leben anders führen möchtest als sie.
  18. Vergib dir, dass du Nähe bei anderen Menschen suchst.
  19. Vergib dir, dass eure Beziehung vielleicht niemals so wird, wie du sie dir vorgestellt hast.
  20. Vergib dir vor allem dafür, dass du nicht mehr dein ganzes Leben darauf warten möchtest.

Und dann lebst du weiter

Vielleicht klingt das zunächst traurig. Aber eigentlich beginnt genau hier etwas Befreiendes.

Deine Mutter muss sich nicht zuerst verändern, damit dein Leben leichter werden darf.

Du darfst sie besuchen und nach zwei Stunden wieder gehen.

Du darfst telefonieren und ein Thema beenden, bevor daraus der nächste Streit entsteht.

Du darfst ihr helfen, ohne ihr dein ganzes Leben zur Verfügung zu stellen.

Du darfst sie lieben, ohne mit ihr über alles sprechen zu können.

Vielleicht findet ihr sogar eine Form der Beziehung, die funktioniert, gerade weil du nicht mehr versuchst, daraus etwas zu machen, was sie niemals war.

Und vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem du nach einem Besuch nach Hause fährst und nicht mehr stundenlang darüber nachdenkst, was deine Mutter gesagt hat.

Nicht weil plötzlich alles zwischen euch geheilt ist. Sondern weil du verstanden hast:

Ihre Art zu sein ist nicht mehr die Antwort auf die Frage, wer du bist.

Du hast diese Mutter bekommen.

Du hast diese Geschichte bekommen.

Manches davon war schön. Manches schwierig. Manches hätte anders sein dürfen. Aber dein Leben besteht nicht nur aus dem, was du als Tochter bekommen hast.

Es besteht auch aus dem, was du heute selbst daraus machst. Vielleicht ist das die tiefste Form von Vergebung:

Nicht zu vergessen, was war. Nicht zu behaupten, dass es nicht wehgetan hat. Sondern aufzuhören, die Vergangenheit jeden Tag mit in die Zukunft zu nehmen.

Deine Mutter darf bleiben, wie sie ist. Und du darfst trotzdem anders weiterleben.

Quellen

  • Jasmin Lee Cori: Das große Buch der emotionalen Heilung. Wie wir unsere Mutterwunde heilen und uns selbst lieben lernen.
    Besonders passend zum Thema fehlender emotionaler Nähe zwischen Mutter und Kind und zu den Folgen unerfüllter kindlicher Bedürfnisse.
  • Lindsay C. Gibson: Kalte Kindheit. Wie wir trotz unemotionaler Eltern Wärme im Leben finden.
    Beschreibt, wie emotional unreife oder schwer erreichbare Eltern die Beziehung zu ihren Kindern prägen können und wie Erwachsene lernen können, sich innerlich davon zu lösen.
  • Susan Forward & Donna Frazier Glynn: Wenn Mütter nicht lieben. Töchter erkennen und überwinden die lebenslangen Folgen.
    Beschäftigt sich mit schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, alten Verletzungen, Schuldgefühlen, Grenzen und der Frage, wie Töchter ihren eigenen Weg finden können.
  • Peg Streep: Töchter ohne Mutterliebe. Vom Schmerz zur Heilung.
    Thematisiert die langfristigen Auswirkungen einer emotional schwierigen oder distanzierten Mutter-Tochter-Beziehung und den Umgang mit unerfüllten Erwartungen.