Unerwünschte Tochter: Wenn sie spürt, dass sie nicht gewollt war
Es gibt einen Schmerz, über den viele Frauen nur selten sprechen. Nicht, weil er unbedeutend wäre, sondern weil sie selbst kaum Worte dafür finden. Es ist das Gefühl, in der eigenen Familie nie wirklich willkommen gewesen zu sein.
Vielleicht war sie das erste Kind, das viel zu früh kam. Vielleicht hatten sich die Eltern einen Sohn gewünscht. Vielleicht war die Mutter mit ihrer Ehe unglücklich, finanziell überfordert oder einfach nicht bereit, ein Kind großzuziehen.
Und dann wurde dieses Mädchen geboren.
Es konnte nichts dafür, unter welchen Umständen es auf die Welt kam. Es hatte sich weder seine Eltern noch den Zeitpunkt seiner Geburt ausgesucht. Trotzdem wuchs es möglicherweise mit dem Gefühl auf, für etwas verantwortlich zu sein, das lange vor seiner Geburt begonnen hatte.
Manche Töchter erfahren irgendwann ganz offen, dass sie nicht gewollt waren. Andere bekommen es nie ausgesprochen. Sie spüren es in den Blicken ihrer Mutter, in ihrer Ungeduld, in der fehlenden Zärtlichkeit oder in der Art, wie unterschiedlich die Kinder behandelt werden.
Das Schlimmste für eine Tochter ist manchmal nicht, dass ihre Eltern sie nicht lieben konnten, wie sie es gebraucht hätte. Es ist, dass sie irgendwann glaubt, selbst der Grund dafür zu sein.
Wie fühlt sich eine Tochter, die sich unerwünscht fühlt?
Sie fühlt sich häufig wie ein Gast im eigenen Zuhause.
Sie lebt mit ihrer Familie, sitzt mit allen am Tisch und gehört selbstverständlich dazu. Zumindest auf dem Papier. Innerlich hat sie jedoch oft das Gefühl, ihren Platz jeden Tag neu verdienen zu müssen.
Sie beobachtet genau, wie ihre Mutter auf sie reagiert. Sie merkt, wann ihre Anwesenheit stört, wann sie besser schweigen sollte und wann eine harmlose Frage einen genervten Blick auslösen könnte.
Vielleicht möchte sie ihrer Mutter etwas Schönes erzählen. Doch bevor sie überhaupt beginnt, überlegt sie, ob es der richtige Moment ist.
Vielleicht braucht sie Trost. Aber sie hat Angst, als anstrengend bezeichnet zu werden.
Vielleicht möchte sie einfach einmal in den Arm genommen werden. Doch sie weiß nicht, wie sie um etwas bitten soll, das andere Kinder scheinbar selbstverständlich bekommen.
Mit der Zeit entwickelt sie eine traurige Gewohnheit: Sie erwartet lieber nichts mehr. Denn wer nichts erwartet, kann wenigstens nicht jedes Mal enttäuscht werden.
Wenn eine Tochter die Liebe ihrer Mutter ständig sucht
Manche Mädchen verbringen ihre ganze Kindheit damit, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu gewinnen.
Sie versuchen, besonders gute Schülerinnen zu sein. Sie helfen freiwillig im Haushalt, kümmern sich um jüngere Geschwister und machen möglichst wenig Schwierigkeiten.
Wenn die Mutter traurig ist, versuchen sie, sie aufzumuntern. Wenn sie wütend ist, suchen sie den Fehler bei sich.
Sie hoffen, dass eines Tages etwas geschieht. Dass die Mutter sie ansieht und sagt: „Ich bin froh, dass ich dich habe.“
Vielleicht bekommt die Tochter stattdessen nur ein knappes „Gut gemacht“ oder den Hinweis, was sie noch besser hätte machen können.
Dann versucht sie es erneut. Und erneut.
Bis sie irgendwann erwachsen ist und noch immer nicht versteht, warum sie sich trotz aller Anstrengungen nicht gut genug fühlt.
Wer als Kind glaubt, Liebe verdienen zu müssen, kann als Erwachsener Schwierigkeiten haben, Liebe einfach anzunehmen.
Der Schmerz, wenn die eigene Mutter andere Kinder bevorzugt
Besonders verletzend ist es, wenn die Tochter erlebt, dass ihre Mutter durchaus liebevoll sein kann – nur scheinbar nicht mit ihr.
Vielleicht wird der Bruder liebevoll umsorgt, während von ihr erwartet wird, dass sie alles allein schafft.
Vielleicht interessiert sich die Mutter ausführlich für die Probleme der Schwester, hört ihr selbst aber kaum zu.
Bei Familienfeiern bekommt sie vielleicht zu hören, wie stolz die Eltern auf die anderen Kinder sind.
Über sie fällt dagegen nur ein beiläufiger Kommentar.
Eine solche Tochter kann sich fragen, was ihre Geschwister besitzen, das ihr fehlt.
Ist sie weniger hübsch? Weniger liebenswert? Weniger interessant?
Dabei sagt eine unterschiedliche Behandlung der Kinder nichts darüber aus, welches Kind mehr Liebe verdient.
Sie zeigt vielmehr, dass die Erwachsenen möglicherweise nicht in der Lage waren, allen Kindern gerecht zu werden.
Doch diese Erkenntnis kommt häufig erst viele Jahre später.
Wenn sie sich für ihre Geburt schuldig fühlt
Manche Mütter erzählen ihren Töchtern immer wieder, wie schwierig ihr Leben nach der Schwangerschaft geworden ist.
Sie sprechen von verpassten Chancen, unerfüllten Träumen und einer Ehe, die sie angeblich nur wegen der Kinder fortgesetzt haben.
Eine Tochter, die solche Geschichten häufig hört, kann anfangen, ihre eigene Geburt als Belastung zu betrachten.
Sie entwickelt vielleicht ein übermäßiges Verantwortungsgefühl.
Sie möchte der Mutter keine weiteren Sorgen bereiten, trifft Entscheidungen nach ihren Erwartungen und verzichtet auf Dinge, die sie eigentlich glücklich machen würden.
Sogar wenn sie längst erwachsen ist, kann sie sich schuldig fühlen, sobald sie ihren eigenen Weg geht.
Dabei ist es wichtig zu verstehen: Eltern dürfen ihre Lebensgeschichte bedauern. Sie dürfen über Schwierigkeiten sprechen. Aber sie sollten ihre Kinder nicht für Entscheidungen verantwortlich machen, die diese niemals getroffen haben.
Keine Tochter schuldet ihrer Mutter eine Entschuldigung dafür, dass sie geboren wurde.
Warum sie sich später oft mit zu wenig Liebe zufriedengibt
Eine Frau, die sich in ihrer Kindheit unerwünscht gefühlt hat, kann später besonders große Angst davor entwickeln, erneut abgelehnt zu werden.
Vielleicht verliebt sie sich in Menschen, die emotional kaum erreichbar sind.
Vielleicht gibt sie in Beziehungen viel mehr, als sie zurückbekommt.
Sie wartet auf Nachrichten, entschuldigt verletzendes Verhalten und versucht, Verständnis für alles aufzubringen.
Manchmal sagt sie nicht, was sie wirklich möchte, weil sie fürchtet, der andere könnte sie verlassen. Oder sie beendet Beziehungen vorschnell, sobald jemand ihr zu nahe kommt. Denn wer als Kind häufig Zurückweisung erlebt hat, kann Nähe zugleich ersehnen und fürchten.
Das bedeutet nicht, dass jede unerwünscht fühlende Tochter später unglückliche Beziehungen führen muss. Viele entwickeln gesunde Bindungen und ein stabiles Selbstwertgefühl. Doch manche müssen erst lernen, dass Liebe nicht ständig mit Angst verbunden sein sollte.
Wenn die erwachsene Tochter ihre Mutter besucht
Vielleicht ist sie inzwischen vierzig oder fünfzig Jahre alt.
Sie hat ein eigenes Leben aufgebaut. Vielleicht hat sie selbst Kinder, einen liebevollen Partner und Menschen, die sie schätzen.
Doch sobald sie ihre Mutter besucht, fühlt sie sich manchmal wieder klein.
Ein kritischer Kommentar über ihr Aussehen genügt.
Eine abwertende Bemerkung über ihre Entscheidungen.
Ein Vergleich mit der Schwester.
Und plötzlich ist das alte Gefühl wieder da.
Sie fährt nach Hause und fragt sich, warum sie sich jedes Mal so verletzt fühlt. Warum sie noch immer auf ein freundliches Wort wartet. Warum die Meinung ihrer Mutter eine solche Macht über sie besitzt.
Die Antwort kann darin liegen, dass ein Teil von ihr noch immer auf jene Anerkennung hofft, die ihr als Kind gefehlt hat.
Man wird nicht automatisch frei von alten Verletzungen, nur weil man erwachsen geworden ist.
Die Trauer um eine Mutter, die man nie wirklich hatte
Es ist eine besondere Form von Traurigkeit, wenn die eigene Mutter lebt, aber die emotionale Nähe fehlt. Man kann sie besuchen, mit ihr telefonieren und gemeinsam Weihnachten feiern.
Und sich trotzdem innerlich allein fühlen.
Vielleicht möchte die Tochter ihrer Mutter irgendwann erzählen, wie sehr sie unter der fehlenden Zuwendung gelitten hat.
Doch die Mutter reagiert abwehrend.
„Du übertreibst.“
„Du hattest doch eine schöne Kindheit.“
„Andere Kinder hatten es viel schlimmer.“
Dann fühlt sich die Tochter erneut nicht verstanden.
Sie erkennt möglicherweise, dass sie von ihrer Mutter nicht die Antwort bekommen wird, auf die sie so lange gewartet hat.
Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein. Gleichzeitig kann sie der Beginn einer Veränderung werden.
Denn manchmal beginnt Heilung dort, wo eine Tochter aufhört, ihre Gefühle ständig von der Zustimmung ihrer Mutter abhängig zu machen.
Wie kann eine unerwünschte Tochter innerlich Frieden finden?
Zunächst darf sie anerkennen, was sie erlebt hat.
Sie muss ihre Kindheit nicht schöner darstellen, als sie war. Sie darf traurig, enttäuscht oder wütend sein.
Sie darf sich fragen, welche Überzeugungen sie aus ihrer Kindheit übernommen hat.
Glaubt sie noch immer, nicht wichtig zu sein? Fühlt sie sich schuldig, wenn sie Nein sagt? Hat sie Angst, andere Menschen zu enttäuschen?
Solche Gedanken können hinterfragt und Schritt für Schritt verändert werden.
Sie darf lernen, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, liebevolle Beziehungen zu pflegen und Grenzen gegenüber Menschen zu setzen, die sie immer wieder verletzen.
Auch therapeutische Unterstützung kann helfen, belastende Kindheitserfahrungen zu verarbeiten. Und sie darf entscheiden, welche Beziehung zu ihrer Mutter heute möglich und gesund für sie ist.
Verständnis bedeutet nicht, alles hinzunehmen. Vergebung ist keine Voraussetzung dafür, weiterzugehen.
Vielleicht warst du nicht das Kind, das sie sich gewünscht hatten
Vielleicht haben sich deine Eltern damals ein anderes Leben vorgestellt.
Vielleicht war deine Mutter noch sehr jung, unglücklich oder überfordert.
Vielleicht hat sie dir nie das Gefühl gegeben, dass deine Geburt ein Grund zur Freude war.
Doch ihre damaligen Wünsche entscheiden nicht über deinen Wert als Mensch.
Du bist nicht weniger liebenswert, weil deine Mutter dir zu wenig Liebe gezeigt hat.
Du bist nicht weniger wichtig, weil du in deiner Familie häufig übersehen wurdest.
Und du musst nicht bis ans Ende deines Lebens versuchen, jemanden davon zu überzeugen, dass du es wert bist, geliebt zu werden.
Vielleicht wirst du von deiner Mutter niemals die Worte hören, auf die du so lange gewartet hast. Aber du kannst lernen, dir selbst mit mehr Achtung und Mitgefühl zu begegnen.
Du kannst aufhören, dich für deine Bedürfnisse zu schämen.
Du kannst Menschen in dein Leben lassen, bei denen du dich nicht beweisen musst.
Und vielleicht erkennst du eines Tages, dass deine Geschichte nicht nur aus dem besteht, was dir gefehlt hat, sondern auch aus dem, was du dir heute selbst aufbauen kannst.
Denn eine Tochter, die sich unerwünscht gefühlt hat, war niemals weniger wert als ein ersehntes Kind. Sie hätte genauso viel Liebe, Wärme und Geborgenheit verdient.
Nicht du hättest anders sein müssen, damit man dich liebt. Die Erwachsenen hätten dir besser zeigen müssen, dass du willkommen bist.
Quellen
- Susan Forward und Donna Frazier Glynn: Wenn Mütter nicht lieben. Töchter erkennen und überwinden die lebenslangen Folgen. Goldmann Verlag, 2015.
Über Töchter, die unter fehlender Mutterliebe leiden, und die Auswirkungen auf Selbstwertgefühl und spätere Beziehungen. - Susan Forward: Vergiftete Kindheit. Elterliche Macht und ihre Folgen.
Über verletzende Eltern-Kind-Beziehungen, Schuldgefühle und die Befreiung von belastenden familiären Mustern.





