Eifersüchtige Mutter: Wenn jedes Kompliment an die Tochter wie ein Angriff wirkt

Eifersüchtige Mutter Wenn jedes Kompliment an die Tochter wie ein Angriff wirkt

 

Was passiert, wenn eine Mutter narzisstische Züge hat und auf ihre eigene Tochter eifersüchtig ist? Viele Menschen halten das für unmöglich. Schließlich sollte eine Mutter doch stolz darauf sein, wenn ihre Tochter glücklich, selbstbewusst und erfolgreich wird.

Doch nicht jede Mutter kann die Entwicklung ihrer Tochter mit Freude begleiten. Manche erleben ihre zunehmende Selbstständigkeit als Bedrohung. Andere haben Schwierigkeiten damit, dass ihre Tochter Aufmerksamkeit bekommt, eigene Entscheidungen trifft und irgendwann ein Leben führt, in dem die Mutter nicht mehr im Mittelpunkt steht.


Besonders schmerzhaft ist, dass diese Eifersucht selten offen ausgesprochen wird. Kaum eine Mutter wird zugeben: „Ich bin neidisch auf meine Tochter.“

Stattdessen zeigt sich das Problem häufig in der Beziehung selbst. Die Mutter möchte gebraucht werden, verlangt besondere Rücksichtnahme, reagiert empfindlich auf die Unabhängigkeit ihrer Tochter oder empfindet deren Glück als Erinnerung an die eigene Unzufriedenheit.

Für die Tochter entsteht dadurch ein schmerzhafter Widerspruch: Sie liebt ihre Mutter, hat aber gleichzeitig das Gefühl, in ihrer Gegenwart nicht vollständig sie selbst sein zu dürfen.


Wenn die Tochter klein ist: Ihre Erfolge gehören eigentlich der Mutter

Bei manchen Müttern beginnt dieses Verhalten bereits in der frühen Kindheit. Allerdings sieht es damals noch nicht wie Eifersucht aus. Im Gegenteil: Die Mutter scheint besonders engagiert, ehrgeizig und stolz auf ihr Kind zu sein.

Ihre Tochter soll die Beste in der Schule sein, beim Sport gewinnen, ein Musikinstrument lernen und möglichst viele Talente entwickeln.

Die Mutter organisiert den gesamten Alltag. Sie fährt das Mädchen zum Training, kontrolliert die Hausaufgaben, meldet es zu Wettbewerben an und entscheidet, welche Freizeitaktivitäten wichtig sind.


Nach außen wirkt sie wie eine Mutter, die alles für ihr Kind tut.

Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass die Wünsche des Mädchens kaum eine Rolle spielen.

Vielleicht möchte die Tochter lieber malen als Klavier spielen. Vielleicht interessiert sie sich überhaupt nicht für Ballett. Doch die Mutter besteht darauf, weil sie selbst als junges Mädchen davon geträumt hat, Tänzerin zu werden.

Und wenn die Tochter schließlich einen Preis gewinnt, steht die Mutter stolz daneben und erklärt:

„Ohne mich hätte sie das niemals geschafft. Ich habe sie überall hingefahren, mit ihr gelernt und so viel Zeit geopfert.“

Natürlich dürfen Eltern stolz auf ihre Unterstützung sein. Problematisch wird es, wenn die Leistung des Kindes hauptsächlich dazu dient, das eigene Selbstwertgefühl zu stärken.

Die Tochter lernt dann früh, dass sie erfolgreich sein muss, damit ihre Mutter zufrieden ist.

Nicht das Glück des Kindes steht im Mittelpunkt, sondern das gute Gefühl der Mutter, eine besonders erfolgreiche Tochter zu haben.

In der Pubertät: Aus dem Vorzeigekind wird plötzlich eine Konkurrentin

Mit der Pubertät verändert sich die Beziehung.

Aus dem kleinen Mädchen wird eine junge Frau, die ihren eigenen Geschmack entwickelt, Freundschaften schließt und zunehmend unabhängig sein möchte.

Nun beginnt die Mutter möglicherweise, sich stärker mit ihrer Tochter zu vergleichen.

Sie möchte jung und attraktiv wirken, kauft ähnliche Kleidung oder begleitet ihre Tochter gerne zu gesellschaftlichen Veranstaltungen.

Vielleicht genießt sie es sogar, wenn jemand sagt: „Ihr seht ja aus wie Schwestern!“

Vor anderen Menschen lobt sie ihre Tochter überschwänglich. Sie erzählt, wie hübsch, intelligent und beliebt das Mädchen ist.

Doch zu Hause verändert sich der Ton.

Plötzlich ist die Frisur nicht mehr schön genug. Die Kleidung wirkt angeblich unpassend. Die Haut wird kritisch betrachtet.

„Du solltest etwas gegen deine Pickel machen.“

„Mit dieser Frisur siehst du nicht besonders vorteilhaft aus.“

„Ich würde so niemals aus dem Haus gehen.“

Die Tochter versteht nicht, warum ihre Mutter sie vor anderen bewundert und zu Hause so häufig kritisiert.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass die Mutter ihre Tochter gerne als hübsches, erfolgreiches Mädchen präsentiert, solange sie selbst dafür Anerkennung erhält.

Sobald die Tochter jedoch unabhängig von ihr bewundert wird, fällt es ihr schwerer, diese Aufmerksamkeit zu ertragen.

Für das Mädchen ist diese Widersprüchlichkeit besonders belastend.

Es möchte sich schön fühlen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Es möchte seinen eigenen Stil entwickeln, ohne ständig mit der Mutter verglichen zu werden.

Doch irgendwann beginnt es vielleicht, jedes Kompliment zu hinterfragen.

Wenn die Tochter erwachsen wird: Die Mutter möchte weiterhin bestimmen

Später bekommt die Tochter ihre erste Arbeitsstelle, zieht in eine eigene Wohnung oder heiratet.

Eigentlich beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt, in dem sich auch die Mutter-Tochter-Beziehung verändern sollte.

Die Mutter darf weiterhin eine wichtige Bezugsperson sein. Aber sie sollte akzeptieren, dass ihre Tochter jetzt selbst Verantwortung für ihr Leben trägt.

Eine stark kontrollierende Mutter hat damit häufig Schwierigkeiten.

Sie möchte wissen, wie viel ihre Tochter verdient, wofür sie Geld ausgibt, wie sie ihren Haushalt führt und welche Entscheidungen sie gemeinsam mit ihrem Partner trifft.

Wenn die Tochter beruflich erfolgreich ist, erinnert die Mutter gerne daran, dass sie früher alles noch besser gemacht habe.

„Zu meiner Zeit musste man viel härter arbeiten.“

„Ich hätte das damals anders gelöst.“

„Du hast ja keine Ahnung, was richtige Verantwortung bedeutet.“

Auch in der Ehe möchte sie mitreden.

Sie beurteilt den Ehemann, kommentiert gemeinsame Entscheidungen und erwartet, bei wichtigen Angelegenheiten gefragt zu werden.

Besonders schwierig wird es, wenn die Tochter selbst Mutter wird.

Plötzlich weiß die Großmutter angeblich alles besser.

Wie das Baby angezogen werden muss, wann es schlafen soll, was es essen darf und wie Kinder erzogen werden sollten.

„Ich habe schließlich auch Kinder großgezogen.“

„Du machst dir das Leben unnötig schwer.“

„Wenn du auf mich hören würdest, hättest du diese Probleme nicht.“

Die Tochter ist inzwischen erwachsen, fühlt sich in Gegenwart ihrer Mutter aber manchmal wieder wie ein kleines Mädchen, dem man nichts zutraut.

Warum muss die Mutter immer die Wichtigste sein?

Hinter diesem Verhalten kann ein tiefes Bedürfnis nach Anerkennung und Kontrolle stehen.

Manche Mütter haben ihren Selbstwert fast ausschließlich aus ihrer Rolle als Mutter bezogen. Solange die Tochter klein war, konnten sie bestimmen, helfen und gebraucht werden.

Doch mit der Selbstständigkeit der Tochter verändert sich diese Rolle.

Eine emotional reife Mutter kann diesen Wandel akzeptieren und sich über die Entwicklung ihres Kindes freuen.

Eine Mutter mit ausgeprägten narzisstischen Verhaltensmustern kann dagegen Schwierigkeiten haben, ihre eigene Bedeutung unabhängig von der Tochter zu erleben.

Sie möchte weiterhin die Erfahrenste, Klügste oder Wichtigste sein.

Deshalb werden Entscheidungen der Tochter infrage gestellt, ihre Leistungen relativiert und ihre Fähigkeiten mit den eigenen verglichen.

Nicht jede solche Mutter hat allerdings eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Eifersucht, Kontrollbedürfnis und Kritik reichen für eine Diagnose nicht aus.

Für die Tochter ist ohnehin entscheidender, wie sie behandelt wird und welche Folgen diese Beziehung für ihr Selbstwertgefühl hat.

Was eine Tochter über sich selbst zu glauben beginnt

Wer von klein auf erlebt, dass die Mutter alles besser weiß, kann als Erwachsene Schwierigkeiten haben, den eigenen Entscheidungen zu vertrauen.

Vielleicht fragt die Tochter noch mit vierzig Jahren ihre Mutter um Rat, obwohl sie längst weiß, was sie möchte.

Vielleicht fühlt sie sich schuldig, wenn sie etwas anders macht.

Oder sie versucht ständig zu beweisen, dass sie eine gute Ehefrau, Mutter und beruflich erfolgreiche Frau ist. Besonders belastend ist die Vorstellung, niemals gut genug zu sein.

Als kleines Mädchen sollte sie die beste Schülerin sein.

Als Jugendliche sollte sie hübsch sein, aber nicht zu selbstbewusst.

Als Erwachsene soll sie erfolgreich sein, aber nicht erfolgreicher als die Mutter.

Und als Mutter soll sie ihre Kinder liebevoll erziehen, dabei aber möglichst alles genauso machen wie ihre eigene Mutter.

Die Erwartungen verändern sich, doch das Gefühl bleibt: Ich muss mich ständig beweisen.

Wie kann die Tochter endlich sie selbst werden?

Der wichtigste Schritt besteht darin, zu erkennen, dass sie nicht mehr das kleine Mädchen ist, das für jede Entscheidung die Zustimmung seiner Mutter braucht.

Sie darf ihre Mutter lieben, ohne ihr in allem zu folgen.

Sie darf dankbar für ihre Unterstützung sein, ohne ihr deshalb die Kontrolle über das eigene Leben zu überlassen.

Und sie darf Entscheidungen treffen, die ihre Mutter nicht gutheißt. Dabei können zehn Veränderungen helfen:

  1. Hören Sie auf, sich ständig zu rechtfertigen. Sie müssen Ihrer Mutter nicht jede Entscheidung ausführlich erklären.

  2. Treffen Sie eigene Entscheidungen. Fragen Sie sich zuerst, was Sie selbst möchten, bevor Sie überlegen, was Ihre Mutter dazu sagen würde.

  3. Lassen Sie Vergleiche nicht über Ihren Wert entscheiden. Sie müssen weder erfolgreicher noch besser sein als Ihre Mutter.

  4. Setzen Sie Grenzen bei Ihrem Privatleben. Ihre Partnerschaft, Ihre Finanzen und Ihre Familienplanung gehören nicht automatisch in den Einflussbereich Ihrer Mutter.

  5. Schützen Sie Ihre Ehe. Besprechen Sie wichtige Entscheidungen zuerst mit Ihrem Partner, statt die Mutter zur entscheidenden Instanz zu machen.

  6. Vertrauen Sie sich als Mutter. Sie dürfen Ihre Kinder anders erziehen, als Sie selbst erzogen wurden.

  7. Teilen Sie nicht jede persönliche Information. Sie entscheiden, welche Themen Sie mit Ihrer Mutter besprechen möchten.

  8. Lernen Sie, Schuldgefühle auszuhalten. Dass Ihre Mutter enttäuscht ist, bedeutet nicht automatisch, dass Sie etwas falsch gemacht haben.

  9. Stärken Sie Ihr Selbstvertrauen. Erinnern Sie sich daran, welche Herausforderungen Sie bereits selbstständig bewältigt haben.

  10. Suchen Sie Unterstützung, wenn alte Muster Sie stark belasten. Psychotherapie kann helfen, sich aus übermäßiger emotionaler Abhängigkeit zu lösen.

Wie spricht man mit einer Mutter, die sich überall einmischt?

Viele Töchter versuchen, ihre Mutter durch lange Erklärungen zu überzeugen.

Doch wenn die Mutter gewohnt ist, über alles mitzubestimmen, können solche Gespräche schnell zu endlosen Diskussionen werden.

Hilfreicher sind oft kurze, freundliche und klare Aussagen.

Wenn sie Ihre beruflichen Entscheidungen kritisiert, können Sie sagen:

„Ich verstehe, dass du es anders gemacht hättest. Aber ich bin mit meiner Entscheidung zufrieden.“

Wenn sie sich in Ihre Ehe einmischt:

„Das ist eine Angelegenheit zwischen meinem Mann und mir. Wir werden das gemeinsam entscheiden.“

Wenn sie Ihre Kindererziehung beurteilt:

„Danke für deinen Rat. Wir haben uns entschieden, es anders zu machen.“

Und wenn sie daraufhin beleidigt reagiert:

„Ich möchte dich nicht verletzen. Trotzdem bleibt es meine Entscheidung.“

Sie müssen dabei nicht laut werden oder Ihrer Mutter Vorwürfe machen.

Entscheidend ist, dass Sie Ihre Grenzen nicht sofort wieder aufgeben, nur weil Ihre Mutter enttäuscht ist.

Eine Grenze ist keine Bestrafung. Sie beschreibt, worüber Sie selbst entscheiden und welches Verhalten Sie akzeptieren.

Die Mutter verstehen, ohne das eigene Leben aufzugeben

Vielleicht hatte Ihre Mutter selbst eine schwierige Kindheit.

Vielleicht wurde sie nie ausreichend anerkannt. Vielleicht hat sie ihre eigenen Wünsche zurückgestellt und später versucht, sie durch die Tochter zu verwirklichen.

Das kann erklären, warum sie so viel Kontrolle braucht. Aber es bedeutet nicht, dass Sie dafür verantwortlich sind, ihre unerfüllten Träume nachzuholen.

Sie dürfen Mitgefühl für Ihre Mutter haben und trotzdem erkennen, dass ihr Verhalten Sie verletzt hat.

Sie dürfen ihr vergeben, wenn Sie dazu bereit sind.

Sie müssen jedoch nicht warten, bis sie sich verändert, um selbst ein freieres Leben zu führen.

Eine Tochter ist kein zweites Leben für ihre Mutter

Vielleicht hat Ihre Mutter Sie als kleines Mädchen zu unzähligen Aktivitäten gefahren, mit Ihnen gelernt und alles organisiert.

Vielleicht hat sie tatsächlich viel für Sie getan.

Dafür dürfen Sie dankbar sein.

Doch Dankbarkeit bedeutet nicht, dass Sie Ihr ganzes Leben nach ihren Vorstellungen gestalten müssen.

Sie sind nicht dazu geboren worden, die unerfüllten Wünsche Ihrer Mutter zu verwirklichen.

Sie müssen nicht die Ehe führen, die sie sich gewünscht hätte.

Nicht den Beruf wählen, den sie für richtig hält. Und nicht Ihre Kinder genauso erziehen, wie sie es getan hat.

Eine Mutter darf stolz darauf sein, ihrer Tochter beim Wachsen geholfen zu haben. Aber sie sollte nicht erwarten, dass die Tochter ihr deshalb für immer die Kontrolle über ihr Leben überlässt.

Vielleicht wird Ihre Mutter eines Tages lernen, Ihre Selbstständigkeit zu respektieren. Vielleicht wird sie erkennen, dass Ihre Erfolge keine Konkurrenz zu ihren eigenen Leistungen darstellen.

Vielleicht aber auch nicht. Sie dürfen trotzdem Ihren Weg gehen.

Denn erwachsen zu werden bedeutet manchmal auch, sich von den Erwartungen der eigenen Mutter zu lösen, ohne die Liebe zu ihr vollständig aufgeben zu müssen.

Sie dürfen die Tochter Ihrer Mutter bleiben und gleichzeitig eine eigenständige Frau sein, die ihr eigenes Leben führt.

Quellen 

Bärbel Wardetzki – Weiblicher Narzissmus: Der Hunger nach Anerkennung
Erklärt den Zusammenhang zwischen instabilem Selbstwertgefühl, dem Bedürfnis nach Bewunderung, Vergleichen und narzisstischen Beziehungsmustern.

Gabrielle Gross – Der Neid der Mutter auf die Tochter (2002)
Dieses Buch beschäftigt sich mit der Eifersucht und dem Neid einer Mutter gegenüber ihrer eigenen Tochter. Es untersucht, warum zwischen Müttern und Töchtern Konkurrenzgefühle entstehen können und wie sich diese in ihrer Beziehung äußern. Dabei handelt es sich um eine literaturwissenschaftliche und psychoanalytische Untersuchung.

Nancy Friday – Wie meine Mutter – My Mother/My Self
Dieses Buch behandelt die komplexe Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. Im Mittelpunkt stehen unter anderem emotionale Abhängigkeit, Konkurrenz, Schuldgefühle, mütterliche Erwartungen und die Entwicklung einer eigenständigen weiblichen Identität.